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Dezember 2015

SCHLUSSCHOR

GOTTES PFAD IST UNS GEWEITET
Gottes land ist uns bestimmt
Gottes krieg ist uns entzündet
Gottes kranz ist uns erkannt.
Gottes ruh in unseren herzen
Gottes kraft in unsrer brust
Gottes zorn auf unsren stirnen
Gottes brunst auf unsrem mund.
Gottes band hat uns umschlossen
Gottes blitz hat uns durchglüht
Gottes heil ist uns ergossen
Gottes glück ist uns erblüht.

Stefan George: Der Stern des Bundes. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VIII, S.114.


Mit diesem Gedicht beschließt George seinen bis heute sehr rätselhaften, noch kaum umfassend gedeuteten Gedichtband ‚Der Stern des Bundes‘, der 1914 in den schlimmsten „wirren der zeit“ erscheint (so in einem berühmten Gedicht Georges von 1928). George setzt dieses Gedicht von allen anderen des Bandes deutlich ab und nennt es ‚Schlusschor‘. Ein kollektives ‚Wir‘ proklamiert, dass durch einen Gott für „uns“ neue und unbezweifelbare Orientierung entstehe. Der Ton ist heilsgewiss, rhetorisch, nicht feinsinnig, nicht poetisch und zweifelnd-melancholisch. Die Verse sind alle parallel aufgebaut; der Rhythmus ist hart und entschieden. Eine innere Gliederung gibt es dennoch: Drei Versgruppen mit jeweils vier Versen kann man unterscheiden. Sie sprechen zunächst davon, wie sich dieser Gott „uns“ zeigt, dann davon, was er in „uns“ bewirkt, und schließlich davon, wie sich das kollektive ‚Wir‘ im Zeichen dieses Gottes und aus einem gemeinsamen Geist heraus so eint, dass für „uns“ ein neues „glück…erblüht“ – welcher Gestalt dieses „glück“ auch immer sein mag. Das lässt das Gedicht ganz offen.

Diesen Prozess, den das Gedicht durchläuft, kann man allein an den Versenden ablesen; sie arbeiten sich auf den Kreuzreim zu, der die letzte Versgruppe zusammenfasst: Jetzt ist die Einigung des Kollektivs auch in der poetischen Sprache vollzogen. Zuvor gibt es nur eine Bindung durch Gleichklang von Vokalen und Konsonanten. Wie sich diese Bindung im Verlauf des Gedichtes verstärkt, sieht man sehr schön an der zweiten Vierergruppe („herzen“/“stirnen“; „brust“/„mund“).

Aber wer ist nun dieser Gott, dessen Ankunft und Wirksamkeit hier so heilsgewiss verkündet wird? Das ist die Frage, die sich im Monat Dezember besonders drängend stellt. Ist es ein Konkurrenzgott zum christlichen Gott, der auf die armseligste, elendste, gar nicht triumphale Weise Mensch geworden ist und der uns, so sagt es die christliche Tradition, in jedem Menschen begegnet, gerade im armseligsten und elendsten? Dass sich diese Frage so drängend stellt, ist die eigentliche Provokation dieses so selbstgewissen, sich so unangefochten gebenden Gedichtes.

Wolfgang Braungart