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August 2016

Das lied des zwergen

I

Ganz kleine vögel singen ·
Ganz kleine blumen springen ·
Ihre glocken klingen.
Auf hellblauen heiden
Ganz kleine lämmer weiden ·
Ihr fliess ist weiss und seiden.
Ganz kleine kinder neigen
Und drehen sich laut im reigen –
Darf der zwerg sich zeigen?

II

Ich komme vom palaste
Zu eurer kinder tanz
In ihrem frohen kranz
Will eines mich zu gaste?
Der ich mich scheu verberge
Ich habe kron und thron ·
Ich bin der feien sohn
Ich bin der fürst der zwerge.

III

Dir ein schloss · dir ein schrein –
Fülle aller schätze und ihr glanz sei dein!
Dir ein schwert · dir ein speer –
Zarter gunst der schönen sei dein weg nie leer.
Dir kein ruhm · dir kein sold –
Dir allein im liede liebe und gold.

Stefan George: Die Bücher der Hirten und Preisgedichte, Der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten. In: Ders.: Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff. Bd. III, S. 64f.


Nach dem Algabal-Zyklus geriet Stefan George, wie er selbst eingestand, in eine tiefe Krise. Er sah, dass er einen Weg finden musste, seine Dichtkunst weiterzuentwickeln und aus ihrem kühlen und prächtigen Ästhetizismus herauszuführen. Das Ergebnis ist der Gedichtband der ‚Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten‘, der 1895 erschien.

Was macht man in einer seelischen und schöpferischen Krise? Vielleicht dies: Man versucht, sich auf das Wesentliche zu besinnen und allzu große Komplexität abzubauen. So halten wir es selbst; und so auch George nun in seiner neuen Dichtkunst. Man erinnert sich an das, was man hat, aus welchen Traditionen man kommt und was sie einem geben könnten. Georges poetische Sprache erneuert sich, indem sie sich auf die „drei großen bildungswelten“, wie er selbst sagt, der Antike (‚Hirten- und Preisgedichte‘), des Mittelalters (‚Sagen und Sänge‘) und des Orients (‚Hängende Gärten‘) besinnt. In solchen Erinnerungen spürt und vergewissert sich die „Seele“ ihrer selbst; sie bildet und formt sich. Es geht also gerade nicht darum, geschichtliches Wissen wie Schätze einzusammeln. George leitet den ganzen Gedichtband mit einer entsprechenden Vorbemerkung ein: Diese drei Gedichtzyklen „enthalten die spiegelungen einer seele die vorübergehend in andere zeiten und örtlichkeiten geflohen ist und sich dort gewiegt hat“.

Aus dem dritten Zyklus der ‚Sänge eines fahrenden Spielmanns‘ stammen die drei kleinen Gedichte des ‚Lieds des Zwergen‘, die seinerzeit auch sogleich vertont wurden. Man braucht sie kaum genauer zu erläutern. In jugendstilhafter Manier inszenieren sie zunächst kindliche Naivität und kindliche Sprache – und man darf hier gewiss daran denken, dass schon die Antike dem Kind (und dem Greis) besondere Weisheit zugesprochen hat und dass auch Jesus im Neuen Testament fordert, wieder zu werden „wie die Kinder“, sonst kann man „ins Himmelreich nicht eingehen“. Seit dem 18. Jahrhundert sehnt sich die anbrechende Moderne nach dem Einfachen und Naiven.

Erst in dieser kindlichen, „ganz kleinen“ und überschaubaren Welt kann die Frage überhaupt gestellt werden: „Darf der zwerg sich zeigen?“ (Erstes Lied) Und nun tritt er auf; unsicher einerseits, weil er nicht weiß, ob ihn überhaupt „eines [der Kinder] zu gaste“ haben möchte; selbstsicher andererseits, ist er doch ein Herrscher in seinem Reich, ein Sohn der Feen, ja sogar „der fürst der zwerge“. (Zweites Lied)

Und er verteilt seine Gaben. (Drittes Lied) Die bemerkenswerteste davon wird im letzten Zweizeiler genannt; auf diese Gabe läuft der ganze kleine Zyklus zu und vollendet seinen Dreischritt: „Dir kein ruhm · dir kein sold – / Dir allein im liede liebe und gold.“ Das „Lied des Zwergen“ ist das Geschenk an ‚dich‘, den Leser und genauso an ‚dich‘, den Dichter. Wer der Dichtkunst genügen will, kann nicht mit Ansehen und Reichtum rechnen; er bekommt alles „allein im liede“. Hier deutet sich ein kulturkritisches Konzept von Dichtkunst an, das für George bestimmend bleiben wird. Nicht „ruhm“ und „sold“: nein, die Kunst des einfachen, gar nicht prunkvollen Liedes selbst ist alles und enthält alles.

Prof. Wolfgang Braungart, Vorsitzender der Stefan-George-Gesellschaft