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August 2015

DER FREUND DER FLUREN

Kurz vor dem frührot sieht man in den fähren
Ihn schreiten • in der hand die blanke hippe
Und wägend greifen in die vollen ähren
Die gelben körner prüfend mit der lippe.

Dann sieht man zwischen reben ihn mit basten
Die losen binden an die starken schäfte
Die harten grünen herlinge betasten
Und brechen einer ranke überkräfte.

Er schüttelt dann ob er dem wetter trutze
Den jungen baum und misst der wolken schieben
Er gibt dem liebling einen pfahl zum schutze
Und lächelt ihm dem erste früchte trieben.

Er schöpft und giesst mit einem kürbisnapfe
Er beugt sich oft die quecken auszuharken
Und üppig blühen unter seinem stapfe
Und reifend schwellen um ihn die gemarken.

Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. V, S. 38.


Das Wort ‚Kultur‘, das inzwischen ziemlich inflationär verwendet wird, kommt von latein. ‚cultura‘. Das bedeutet einerseits ‚Bebauung‘, ‚Anbau‘ im Sinne der Landwirtschaft, andererseits ‚Ausbildung‘, ‚Veredelung‘ im Sinne des Geistigen. Baut man Getreide an (erste Strophe) oder Wein (zweite Strophe) oder Obst (dritte Strophe), dann verändert man das Land sichtbar (s. etwa: „fähren“), gestaltet es um und ordnet es vom Menschen aus und auf ihn hin. Die so entstehende Landschaft ist mehr als bloße Natur, die durch solche Kultur-Arbeit reicher wird und eine für den Menschen sinnvolle Struktur erhält.

Wer Natur kultiviert, braucht dazu geeignete Geräte („hippe“, ein Messer mit geschwungener Klinge); er braucht umfassende, einschlägige Kenntnisse des Wetters (dritte Strophe), braucht Erfahrung, welche Triebe am Weinstock ausgebrochen werden müssen oder wie die noch unreifen Trauben („herlinge“) zu beurteilen sind (zweite Strophe); und auch ein leibliches Gespür („die gelben körner prüfend mit der lippe“), also wirklich Geschmack, eine Fähigkeit zur sinnlichen Erkenntnis, auf die er sich verlassen kann.

Wer in diesem Sinne ‚Kultur‘ schafft und selbst Kultur hat, der muss ein ‚ganzer Mensch‘ sein, wie das 18. Jahrhundert sagen würde und wie es im 19. Jahrhundert zu einer zentralen Idee bürgerlicher Bildung geworden ist. Ein ganzer Mensch ist der, der selbst umfassend kultiviert ist. Dazu gehört zuallererst die richtige Einstellung, wie schon der Titel unseres Gedichtes sagt: Er selbst muss ein „Freund“ sein dessen, was er ‚zieht‘ und ‚kultiviert‘. Dann wächst und gedeiht es um ihn herum – und er selbst auch.

In einer archaisch anmutenden Sprache, die vielleicht sagen will, dass das, was hier angesprochen wird, schon immer für uns Menschen gilt und immer gelten sollte, redet das Gedicht Georges, dieses Kenners der rheinischen Landschaft und ihrer Kultur, auf einer ersten Ebene von einer Sommerlandschaft, die sich unter dem freundlichen, klugen, aber auch energischen, entschiedenen Zugriff des Menschen („die quecken auszuharken“) immer reicher und schöner entwickelt. Auf einer zweiten Ebene redet das Gedicht, das 1899 entstanden ist, vom Menschen selbst, von einem Erziehungsideal, das die umfassende kulturelle Selbsterziehung einschließen muss.

Wolfgang Braungart