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August 2014

JULI-SCHWERMUT

An Ernest Dowson

Blumen des sommers duftet ihr noch so reich:
Ackerwinde im herben saatgeruch
Du ziehst mich nach am dorrenden geländer
Mir ward der stolzen gärten sesam fremd.
Aus dem vergessen lockst du träume: das kind
Auf keuscher scholle rastend des ährengefilds
In ernte-gluten neben nackten schnittern
Bei blanker sichel und versiegtem krug.
Schläfrig schaukelten wespen im mittagslied
Und ihm träufelten auf die gerötete stirn
Durch schwachen schutz der halme-schatten
Des mohnes blätter: breite tropfen blut.
Nichts was mir je war raubt die vergänglichkeit.
Schmachtend wie damals lieg ich in schmachtender flur
Aus mattem munde murmelt es: wie bin ich
Der blumen müd • der schönen blumen müd!

Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. V, S. 67.


So kann der Sommer auch sein: Die Hitze steht förmlich über dem Land; die Luft flimmert; die Zeit scheint gar nicht zu vergehen. Schwer fällt es jetzt, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Aber Erinnerungen kommen dennoch, womöglich von weit her: an die fast schon vergessene Kindheit, an die sommerliche Erntezeit.

George kannte das Leben auf dem Land. Immer wieder bezieht er sich auf seine Erfahrungen mit der rheinischen Landschaft. George kannte auch die "Schwermut", dieses Gefühl etwa, dass die Kindheit mit solch intensiven Erfahrungen der hohen Mittagsstunde unwiederbringlich dahin ist. Mohn, Ernte, Sichel, Blut: Das sind Symbole der Melancholie und der "Vergänglichkeit". Doch in all der "Schwermut" bleibt die Sehnsucht nach dem einmal erfahrenen, ganzen, ungekünstelten, auch sperrigen und widerborstigen Leben. Die "Ackerwinde im herben saatgeruch", die den Sprecher dieses Gedichts 'nach sich zieht', ist alles andere als eine schöne Zierpflanze.

Immer wieder denkt George in seinen Gedichten über sein eigenes Schreiben nach. Die "schönen blumen", deren der Sprecher dieses Gedichtes (aus dem Band 'Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod' von 1899/1900) so "müd" ist, meinen auch sein eigenes lyrisches Werk der frühen Jahre, diese "stolzen gärten" mit ihrem etwas exotischen "sesam" und ihrem 'reichen' Duft, die doch das ganze Leben aussperren. George überblickt hier seine dichterische 'Ernte' selbstkritisch und wendet sich nun, nach der Jahrhundertwende, stärker den Freunden zu. Auch der Ton seiner Gedichte ändert sich. Einem früh verstorbenen englischen Dichter-Kollegen ist das Gedicht 'Juli-Schwermut' gewidmet.

(Prof. Wolfgang Braungart, Vorsitzender Stefan-George-Gesellschaft)