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April 2016

DAS LIED

Es fuhr ein knecht hinaus zum wald
Sein bart war noch nicht flück
Er lief sich irr im wunderwald
Er kam nicht mehr zurück.

Das ganze dorf zog nach ihm aus
Vom früh- zum abendrot
Doch fand man nirgends seine spur
Da gab man ihn für tot.

So flossen sieben jahr dahin
Und eines morgens stand
Auf einmal wieder er vorm dorf
Und ging zum brunnenrand.

Sie fragten wer er wär und sahn
Ihm fremd ins angesicht •
Der vater starb die mutter starb
Ein andrer kannt ihn nicht.

Vor tagen hab ich mich verirrt
Ich war im wunderwald
Dort kam ich recht zu einem fest
Doch heim trieb man mich bald.

Die leute tragen güldnes haar
Und eine haut wie schnee ..
So heissen sie dort sonn und mond
So berg und tal und see.

Da lachten all: in dieser früh
Ist er nicht weines voll.
Sie gaben ihm das vieh zur hut
Und sagten er ist toll.

So trieb er täglich in das feld
Und sass auf einem stein
Und sang bis in die tiefe nacht
Und niemand sorgte sein.

Nur kinder horchten seinem lied
Und sassen oft zur seit ..
Sie sangenʼs als er lang schon tot
Bis in die spätste zeit.

Stefan George: Das Neue Reich. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IX, S. 100.


Schon immer gibt es in der Geschichte der Lyrik zwei unterschiedliche Traditionslinien: Der einen, der dunklen, schwierigen, artifiziellen, die den Unterschied zur Normalsprache besonders betont und zeigt, verdankt die ganze Gattung, dass man ihr oft mit großen Vorbehalten begegnet. Erst recht heute, wo man Sprache vor allem als ein bloß funktionales Medium der Kommunikation und Information versteht. Die andere Linie aber setzt auf den einfachen, zugänglichen, manchmal sogar liedhaften Ausdruck. Immer wieder gibt es Phasen in der Geschichte der Lyrik, in denen sie durch das Einfache und Liedhafte neue Impulse bekommt. So gingen zum Beispiel von Luthers Kirchenlied, dem Kirchenlied überhaupt und dem Volkslied solche Impulse aus. Man kann das im 18. Jahrhundert z. B. beim jungen Goethe und in der Romantik beobachten.

Stefan George beherrschte beide Traditionslinien. Noch im Spätwerk wandte er sich, wie in unserem Gedicht, das um 1910 entstanden ist, dem einfachen und liedhaften Ton zu.

‚Das Lied‘ – dieser Titel will auch sagen: Das ist einfach nur ein Lied; so soll ein Lied sein; so verstehe ich, Stefan George, diese Gattung. Goethe hat, ganz ähnlich, ein Gedicht einfach nur ‚Ballade‘ genannt.

‚Das Lied‘ Stefan Georges verwendet viele Formeln und Wiederholungen, wie man es in mündlicher Sprache tut und wie wir es aus der Volksliteratur kennen. Es will nicht kunstvoll und schwierig wirken. Es erzählt eine ergreifende Geschichte von einem ‚Knecht‘, einem noch jungen Mann vielleicht. Vielleicht ist es auch einer, der einer großen Aufgabe dient. Er zieht hinaus, um seine eigenen Erfahrungen zu machen und zu begreifen, was er von seinem Leben will. Die erste Strophe versetzt uns sofort in eine märchenhafte Welt. Im Märchen ist der Wald oft Symbol des Geheimnisvollen und Gefährlichen. Derjenige, der sich auf den Wald einlässt, wird durch ihn besonders herausgefordert. So ist es auch hier. Der Knecht kommt erst zurück, als seine Zeit der Bewährung und Neuorientierung um ist („sieben jahr“). Am Dorfbrunnen, dem alten symbolischen Ort der Gemeinschaft, der Erneuerung und auch der Poesie, trifft man ihn wieder. Er hat sich durch seine Zeit im „wunderwald“, in der Fremde so sehr verändert, dass ihn niemand mehr kennt. Die, die ihn kennen müssten, die Eltern – sie sind tot.

Die Geschichte, die der Knecht nun erzählt, ist so seltsam, dass man ihn für verrückt erklärt und zum Viehhirten macht: Das wird er wohl noch können! Sicher spielt George hier auf die uralte Hirtenpoesie im mythisch-idealen Land Arkadien an. Denn der Knecht, der wirklich verrückt ist, aus allen konventionellen Ordnungen und Bezügen herausgefallen, singt nun sein Lied. Er ist ein Sänger, ein Dichter, für den die Dorfbewohner, die sich für so normal halten, nur Spott übrig haben. Wer weiß, ob George in diesem Sänger nicht auch seine eigene Rolle reflektiert hat? Auch er ist ausgezogen in die europäischen Länder und Kulturen; er hat viel gesehen und erfahren; auch er hat sich verändert. Ob ihn seine Heimatstadt damals schon und heute noch verstehen würde, käme er zurück? Hätte man nur Spott für ihn übrig?

Die Kinder aber verstehen den Dichter; sie hören ihm gerne zu und singen sein Lied weiter. ‚Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…‘ Das hat schon einmal einer gesagt. Man könnte hier hinzufügen: ‚Dann versteht ihr die Dichtkunst nicht.‘ Mit ihrer kindlichen Aufgeschlossenheit und Unbefangenheit müsst ihr hören und nicht alles, was befremdlich erscheint, gleich für verrückt erklären.

Versuchen Sie es einmal: Lesen Sie dieses Gedicht Kindern vor; die werden es verstehen. Ich verspreche es Ihnen!

Wolfgang Braungart