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April 2015

Im windes-weben
War meine frage
Nur träumerei.
Nur lächeln war
Was du gegeben.
Aus nasser nacht
Ein glanz entfacht –
Nun drängt der mai
Nun muss ich gar
Um dein aug und haar
Alle tage
In sehnen leben.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S. 137.


Noch ein Frühlingsgedicht, wie schon unser März-Gedicht ‚An baches ranft‘, dem ‚Im windes-weben‘ unmittelbar vorausgeht. Und ein Liebesgedicht dazu. So gehört es sich, wird man sagen. Ja, so ist es konventionell. Zahllose Gedichte der Literaturgeschichte verbinden das Motiv des anbrechenden Frühjahrs mit dem der neuen Liebe. Aber hier? „Aus nasser nacht“ wollen der neue Mai und mit ihm das neue Leben ‚glänzend‘ und ‚drängend‘ hervorgehen. Im Bildlichen können wir uns das leicht vorstellen, diese oft heftigen, ‚nassen‘ nächtlichen Frühjahrstürme. Und doch ist das Bild symbolisch sogleich auf ‚dich‘ und ‚mich‘ beziehbar.

Wiederum gibt es hier keine wirklich dunklen und schwierigen Verse, keinen komplizierten Satzbau. Singbar wirkt das Gedicht geradezu. Darum ist es auch vertont worden (von Anton Webern). George hat eine solche, scheinbar ganz einfache poetische Sprache immer wieder gesucht. Nahe an die seltsamen Gedichte, die von der Ankunft des – von ihm freilich selbst geschaffenen – poetischen Gottes ‚Maximin‘ künden, rückt er in seinem Gedichtband ‚Der Siebente Ring‘ (1907) eine Folge von kurzen Gedichten heran, die er ‚Lieder‘ nennt. So, als sollten sie diesen neuen Mythos durch eine andere Sprache poetisch ergänzen, vielleicht sogar relativieren. Zu diesen ‚Liedern‘ zählt auch unser Gedicht, das es poetisch doch in sich hat. Man muss nur auf die kunstvolle, ganz eigentümliche Reimstruktur achten, die das Gedicht zusammenhält, ohne dabei gleich streng und ornamental zu wirken. Oder auf den Rhythmus, der durch wechselnde Silbenzahl und Spiel mit den Betonungen ganz anstrengungslos lebendig wirkt (besonders schön im drittletzten Vers, wo zwei einsilbige und unbetonte Wörter auf das betonte „aug“ hinführen). Im vorletzten Vers vollzieht sich dann ein deutlicher rhythmischer Wechsel: Nach fünf einsilbigen Wörtern im vorausgehenden Vers kommen jetzt zwei zweisilbige, die mit einer Betonung einsetzen („Alle tage“). Die Sehnsucht nach ‚dir‘ in ‚deiner‘ Schönheit, von der „dein aug und haar“ auf eine ganz unbestreitbare Weise künden, wird nie gestillt werden. Wie schon in ‚An baches ranft‘ mit feinsten poetischen Mitteln eine tiefe Nachdenklichkeit Gestalt gewinnt (Wird das Frühjahr uns tatsächlich „blumen“ bringen? Nein: Wird er sie uns nicht nur ‚nachstreuen‘, als seien wir selbst schon Vergangene?), so ist auch hier alle Frühlingssehnsucht voller Trauer und jede „frage“ an ‚dich‘ nur „träumerei“. Mehr als die Erinnerung an dein „lächeln“ bleibt nicht von jener „nacht“.

(Wolfgang Braungart)