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Historisches Museum am Strom - Hildegard von Bingen

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Die Mutter aller Rheinspiele kommt aus England:

Wallis’s Game of the Panorama of Europe von 1815

Wallis's Game of the Panorama of Europe

Die Vorstellung, die Rheinspiele hätten ihren Ursprung in Deutschland, vielleicht an einem lauschigen Ort an dem sagenumwobenen Fluss selbst, hat etwas für sich - zumal es in Mainz mit der Firma Jos. Scholz schon Mitte des 19. Jahrhunderts einen qualitätsvollen Spieleverlag gab. Doch weit gefehlt: Die Anfänge der Rhein-Reisespiele liegen auf der britischen Insel. In London nämlich erschien bereits im Jahre 1815 „Wallis’s Game of the Panorama of Europe“. Dieses frühe Reise-Brettspiel zeichnet die klassische Bildungsreise des Adels und des Bürgertums nach, welche die Touristen im 18. und 19. Jahrhundert fast immer entlang des Rheins zumeist in die Schweiz oder nach Italien führte. Nach der Aufhebung der Kontinentalsperre, mit der Napoleon seit 1806 den feindlichen Engländern den Zugang zum Festland verwehrt hatte, konnte an diese Tradition seit 1814 wieder angeknüpft werden. In dem Spiel verläuft die Route quer durch Europa in 36 Städte von Oporto (Porto) über Amsterdam, Wien, Konstantinopel, St. Petersburg und Stockholm bis nach London, wobei die Einzelfelder mit kleinen Veduten der Reisestationen und Sehenswürdigkeiten ausgefüllt sind. Unter den Städten des Deutschen Bundes, in denen laut Spielplan Halt gemacht werden kann, findet tatsächlich auch immerhin ein rheinischer Ort Berücksichtigung: Die Stadt Bonn („… a beautiful town, the streets are wide…“) wurde – platziert zwischen Osnabrück und Leipzig – damit zum ersten Repräsentanten des Rheinlands in der europäischen Kulturgeschichte des Spiels.

Doch noch in andere Hinsicht kann „Wallis‘s Panorama of Europe“ als ein Urahn der späteren Rheinspiele angesehen werden. Denn auf dem Plan dieses Laufspiels ist auch schon die schneckenartige Gestaltung der Wegführung zu erkennen, die für viele Brettspiele bis ins 20. Jahrhundert hinein typisch bleiben sollte.

Ausstattung und Regelwerk sind noch einfach: der handkolorierte, wohl noch als Kupferstich hergestellte Spielplan konnte zusammengefaltet in einem kleinen Schuber transportiert werden. Spielsteine und Würfel mussten jedoch anderweitig organisiert werden. Die ausführliche Anleitung enthält enzyklopädische Angaben zu den jeweiligen Reisestationen, die „Ereignisfelder“ beschränken sich allerdings auf das Aussetzten, beispielsweise, wenn in Leipzig bis zum nächsten Zug gleich viermal pausiert werden muss, um den Opfern der Völkerschlacht 1813 zu gedenken. Einzige Ausnahme bildet Moskau: Der Pechvogel, der mit seinem Wurf auf diesem Feld landet, muss in Anlehnung an den gescheiterten Russlandfeldzug 1812, welcher den beginnenden Abstieg Napoleons markiert, aus dem Spiel ausscheiden.

Wer den über zweihundert Jahre alten Spielplan im Original bestaunen möchte, der erhält die Gelegenheit dazu im Museum am Strom in Bingen. Hier werden im Rahmen der Sammlungsausstellung „Der Rhein im Spiel“ zahlreichen Brett-, Quartett- und Domino- Spiele vom Rhein, die vor allem in der Zeit um 1900 sehr populär waren und manchmal sogar noch heute neu auf dem Markt erscheinen, gezeigt. Ob Reisegeschichte, Rheinklischees oder große Politik - die Spiele verkörpern Vergangenheit auf unterhaltsame Weise und in wunderschöner Gestaltung.