Museum am Strom

Historisches Museum am Strom - Hildegard von Bingen

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Historisches Museum am Strom - Hildegard von Bingen

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Bismarck für Bingen?

Spendenaufruf für ein Nationaldenkmal, das nie gebaut wurde

Werbeplakat - Bismarck für BingenDass Bingen und Otto von Bismarck zusammengehören, kann man in den Besucherbüchern der Burg Klopp mit eigenen Augen bestaunen. Darin hat sich der spätere Reichskanzler am 27. September 1847 mit seiner Unterschrift verewigt, als er in der romantischen Stadt am Rhein mit seiner frischangetrauten Ehefrau auf dem Rückweg von seiner Hochzeitsreise Station machte. Auch in den Folgejahren, während seiner Tätigkeit als preußischer Gesandter auf dem Bundestag der Fürsten in Frankfurt am Main, unternahm er regelmäßig Ausflüge nach Bingen. Gemeinsam mit einem Freund aus Göttinger Studentenjahren, dem preußischen Oberforstmeister Höffler, ging es auf Jagd im Binger Wald. Bismarck bezog dann Quartier bei Höffler, der das Nikolauskapellchen beim ehemaligen Kloster Rupertsberg gekauft und zu seinem Sommerwohnhaus umgebaut hatte.

Die Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden Pläne für den Bau eines Bismarck-National-Denkmals hoch über Bingerbrück wurden denn auch unter anderem damit begründet, dass es sich bei der Elisenhöhe um den Lieblingsplatz Bismarcks am Rhein gehandelt habe. Hätte man dieses 1910 mit dem Plakat des Grafikers Adolf Münzer propagierte architektonische Großprojekt tatsächlich umgesetzt, so wäre die Beziehung zwischen Bingen und Bismarck heute wohl noch umso auffälliger dokumentiert.

Die Idee für das Bauvorhaben reicht zurück bis in das Jahr 1904 und fällt in eine Zeit, als die Errichtung nationaler Denkmäler Hochkonjunktur hatte. Erst mit der Reichsgründung 1871 war die Zersplitterung Deutschlands in eine Vielzahl selbständiger Territorien überwunden und die lang ersehnte Einheit hergestellt worden. In dem neu entstandenen Nationalstaat erfüllten Denkmäler die Funktion der Selbstvergewisserung sowie der Gemeinschaftsstiftung, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck bei Koblenz oder die Germania auf der anderen Rheinseite sind bis heute steinerne Zeugen dafür. Bismarck als „Schmied der Einheit“ bot sich dabei besonders als ideale Identitätsfigur an.

1909 wurde für die Elisenhöhe ein entsprechender Wettbewerb ausgeschrieben. Das abgebildete, künstlerisch gestaltete Werbeplakat war Teil einer reichsweiten Kampagne, mit der man sich an die gesamte Öffentlichkeit wandte, um Spenden für das privat initiierte Projekt zu akquirieren. Eigentlich sollte das mächtige Bauwerk anlässlich Bismarcks 100. Geburtstag am 1. April 1915 eingeweiht werden, doch verzögerte sich der Spatenstich angesichts von Querelen über die Entscheidung der Wettbewerbsjury bis ins Jahr 1913. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs zerschlug sich das Vorhaben gänzlich, erneute Vorstöße zur Realisierung nach Kriegsende waren mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten überholt. 

Das Museum am Strom hat das Plakat 2006 erworben und bisher im Depot aufbewahrt. Besucher können es zukünftig in der Abteilung zur neuzeitlichen Stadtgeschichte sehen, die bis Jahresende eröffnet werden wird. Damit wird die Ausstellung um eine Exponat bereichert, das auch im Schulunterricht einen motivierenden, anschaulichen Anlass bietet, sich mit der Denkmal- und Erinnerungskultur im Kaiserreich auseinanderzusetzen.