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Scivias

Ihr erstes Visionswerk unterteilte Hildegard in drei Teile, wobei jeder Teil mehrere Visionsbilder enthält, die zunächst beschrieben, dann gedeutet werden. Sowohl die Visionen als auch die Interpretationen (Auditionen) seien göttlichen Ursprungs. Im ersten Teil steht der Schöpfergott und seine Schöpfung im Vordergrund, während im zweiten Teil geschildert wird, wie der Mensch durch den Opfertod Christi mithilfe der Kirche und den Sakramenten trotz des Sündenfalls erlöst werden kann. Der letzte Teil stellt die Mitwirkung des Menschen am Bau des Heilsgebäudes dar, der durch den Heiligen Geist bewirkt wurde, und die Erlösung. Der dreieinige Gott begegnet also schon im Aufbau der Schrift.

Das Anliegen des Buchs nennt die göttliche Stimme in der 11. Vision des dritten Teils:

„Doch jetzt wankt der katholische Glaube unter den Völkern und das Evangelium steht bei diesen Menschen auf schwachem Fuß. Auch die dicken Bände, welche die erfahrenen Lehrer mit großem Eifer herausgegeben hatten, lösen sich in schmählichen Überdruss auf und die Lebensspeise der göttlichen Schriften ist lau geworden. Deshalb spreche ich jetzt durch einen unberedten Menschen über die Heilige Schrift; er ist nicht von einem irdischen Lehrer belehrt, sondern ich, der ich bin, verkünde durch ihn neue Geheimnisse und viel Mystisches, das bisher in den Büchern verborgen war“.

Aus diesem Grund war es nach Auffassung der Prophetin nun am Beginn der Endzeiten nötiger den je, dass die Menschen zurück zum rechten Glauben fänden und ein gottgewolltes Leben führten. Scivias richtet sich deshalb an Menschen aller Schichten, nicht nur an eine geistliche Elite. Es mag auch ein Grund für ihre Predigtreisen gewesen sein, möglichst viele Leute, die ihre Schriften nicht lesen konnten, zu erreichen. Sicher sollte sich aber der Klerus besonders angesprochen fühlen, denn den Geistlichen oblag die Aufgabe, die Gläubigen zu leiten. In diesem Sinne erinnert Scivias an visionäre Offenbarungsschriften oder an eine prophetische Predigt zur Umkehr, um am nahen Ende der Zeiten erlöst zu werden.

Das vollständige Werk liegt heute noch in zehn verschiedenen Handschriften vor sowie in einigen Exzerptüberlieferungen. Der Rupertsberger und der Salemer Codex sind die einzigen Exemplare, die mit Miniaturen versehen worden sind. Allerdings ist die Rupertsberger Ausgabe, die wohl schon um 1165 entstand, seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen und nur noch in einem handgefertigten Faksimile im Kloster Eibingen erhalten.