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Liber vitae meritorum

Nachdem Hildegard Scivias 1151 vollendet hatte, dachte sie für längere Zeit nicht daran, weitere visionäre Werke zu verfassen. Erst sieben Jahre später scheint sie den Plan gehegt zu haben, Scivias zu einer Trilogie auszuweiten. In direkter Folge schrieb sie innerhalb von 15 Jahren den Liber vitae meritorum und den Liber divinorum operum. Ersteres Werk ist in sechs Teile gegliedert. In den ersten fünf Teilen treten wie auf einer Theaterbühne je 35 personifizierte Laster und Tugenden paarweise gegeneinander an, darauf folgt eine Deutung der Figuren durch die göttliche Stimme sowie eine Schilderung des Wesens der Laster, Bußmöglichkeiten im Diesseits und deren Bestrafung im Jenseits. In der letzten Vision sieht Hildegard, wie am Ende der Welt die Menschen gemäß ihrer guten und schlechten Taten gerichtet werden und in die verschiedenen Orte der Verdammnis eingehen oder die ewige Seligkeit erlangen.

Hildegards Auffassung war, dass jeder Mensch täglich diesem Kampf der Laster gegen die Tugenden ausgesetzt und darin für sein Handeln verantwortlich sei, das sich nicht nur auf ihn, sondern auf die gesamte Schöpfung auswirke. Die Folgen für die unsterbliche Seele zeigt sie dann im letzten Teil auf. Auch hier ist es das Ziel der Prophetin, die Menschen am Beginn der Endzeiten zur Umkehr zu bewegen. Deswegen war es ihr wichtig, dass diese die Sünden erkannten und sich nicht von ihnen verführen ließen. Falls dies doch geschehen sein sollte, lieferte sie ihnen die jeweiligen Bußoptionen, um nicht den ebenso geschilderten Strafen anheimzufallen.

Der Liber vitae meritorum ist in fünf vollständigen Fassungen überliefert, von denen einige noch zu Hildegards Lebzeiten angefertigt wurden; außerdem existieren zwei Teilfragmente. Keine der Abschriften wurde illustriert, was vielleicht durch die geringe Bekanntheit des Werks zu erklären ist.