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Liber divinorum operum

Das letzte große Visionswerk Hildegards, der Liber divinorum operum oder auch De operatione Dei, gilt als die originellste und ausgereifteste Schrift der Prophetin. Zehn Visionen werden in drei Teilen beschrieben und gedeutet: Der erste Teil umfasst vier Visionen und hat das Werk Gottes - den Menschen und die Welt - zum Thema, im zweiten Teil werden Hildegard in einer Vision die Räume des Jenseits gezeigt, während die fünf Visionen des dritten Teils die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zur Erlösung darstellen.

Den Auftrag für den Liber divinorum operum erhielt Hildegard 1163 nachdem sie eine Auslegung des Johannes-Evangeliums verfasst hatte, wie sie in der Vita berichtet: „Und ich sah, dass diese Auslegung der Anfang einer anderen Schrift sein müsste, die noch nicht offenbar geworden war. In ihr sollten viele Fragen der göttlich-geheimnisvollen Schöpfung untersucht werden“. Wie auch der Titel des Buchs vermuten lässt, soll also Gottes Werk das zentrale Thema sein. In der Überschrift zur vierten Vision des ersten Teils spiegelt sich die Thematik der gesamten Schrift wider:

„Die Deutung des ersten Kapitels des Evangeliums nach Johannes, wo die Rede ist von der Ewigkeit des Wortes Gottes, der Erschaffung der Welt aus dem Wort, dem Wesen der Engel, der Erschaffung des Menschen und wie sich des Schöpfers Macht und lichte Weisheit im menschlichen Körper spiegelt, von der Menschwerdung dieses Wortes schließlich und der endgültigen Beseligung des Menschen.“

Der Mensch wird hier immer wieder in Beziehung zur übrigen Schöpfung betrachtet; seine Rolle in der diesseitigen Welt sowie sein Schicksal im Jenseits und der Verlauf der Heilsgeschichte werden ihm aufgezeigt. Nun liegt es in seiner Verantwortung als vernunftbegabter Mensch dem Weg des Heils zu folgen, um erlöst zu werden. Mit der Fassung des Liber divinorum operum im Genter Codex ist vielleicht die erste Abschrift des Werks, das Hildegard 1173/1174 mit der Hilfe von Ludwig, des Abtes von St. Eucharius, abfasste, erhalten. Noch drei weitere Ausgaben sowie mehrere Fragmente sind überliefert. Die künstlerisch interessanteste Fassung ist der um 1220/1230 entstandene Lucca-Codex, benannt nach seinem heutigen Standort. Kunstvolle Miniaturen mit frühgotischen Anklängen begleiten hier die Visionen der Seherin.