April 2021

Am Anfang war die Depesche

Unser heutiger Archivfund datiert aus dem Jahr 1851.

Der geschriebene Brief ist ein Medium, das im letzten Jahrzehnt stark an Bedeutung verloren hat und zunehmend durch digitale Nachrichten ersetzt wird.

Bis in das Spätmittelalter brauchte man außer der Kenntnis des Lesens und Schreibens und auch viel Geld, um sich Boten oder gar eigene Botenanstalten leisten zu können, die Nachrichten zum Ziel brachten. 1490 gab es erstmals eine Postverbindung die durch das Gebiet des heutigen Rheinhessen führte, wenngleich diese erst einmal noch an Bingen vorbei führte. Die Strecke verband Innsbruck mit Mechelen in Burgund. Seinerzeit war Innsbruck der Regierungssitz von Kaiser Friedrich III. von Habsburg. In Mechelen (heutiges Belgien) lebte sein erstgeborener Sohn und späterer Nachfolger, Maximilian I., der durch seine Heirat mit der Alleinerbin Maria von Burgund zum Herzog von Burgund wurde und später in der Geschichtsschreibung den Beinamen „der letzte Ritter“ erhielt.

Für diese Strecke benötigte ein Postbote zu Fuß 20 Tage, ein Reiter schaffte es in nur 5-6 Tagen. Unerlässlich waren hierfür aber feste Anlaufstellen, an denen er Station machen, die Pferde wechseln oder auch das „Postfelleisen“ (Postsack) an den Reiter der nächsten Wegestaffel übergeben konnte. So gab es an jener Strecke Poststationen unter anderem in Flonheim und Worms-Heppenheim.  Diese lagen außerhalb der Stadtmauern, damit die Post auch nachts transportiert werden konnte. Mit dem Aufbau und Ausbau der Verbindung Innsbruck-Mechelen und der weiteren Strecken die später folgten, wurden die Brüder Janetto und Francesco dei Tasso aus der Lombardei (Norditalien) beauftragt, deren Familie schon einige Jahrzehnte Erfahrung mit dem Botenwesen hatte. Sie bekamen schließlich das kaiserliche Monopol gegen die Zahlung entsprechender Gelder, die eine willkommene Einnahmequelle für die kaiserliche Schatulle waren. Aus „dei Tasso“ (altdeutsch Dax (Dachs)) wurde das eingedeutschte „Taxis“ und im 17. Jahrhundert, nach der Erhebung in den Adelsstand, schließlich „von Thurn und Taxis“. Ab ca. 1530 konnte der Postdienst auch von der Allgemeinheit genutzt werden. Das Postwesen blieb bis 1867 in den Händen der Familie Thurn und Taxis, wenngleich es zwischen 1816 und 1867 bereits in immer mehr deutschen Ländern verstaatlicht wurde.

Quelle: Stadtarchiv Bingen

Nicht nur Briefe, sondern auch Personen

Die Boten waren zunächst Postreiter. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich auch der Personentransport etabliert und aus den Boten wurden Postillione. Ab dem frühen 19. Jahrhundert gab es zusätzliche Schnellpostkutschen, die zwischen größeren Städten eingesetzt wurden, bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn ein bequemeres Reisen bot.  

Die Strecken, die auch der Personenbeförderung dienten, wurden Postkurse genannt - Postcourse in der damaligen Schreibweise.

Bereits zur Thurn und Taxis-Zeit war der Personenverkehr getaktet, ähnlich dem heutigen ÖPNV: Es gab Pläne, an welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit der Postillion mit seiner Kutsche kursierte. Eine solche Auflistung ist in einer Akte im Binger Stadtarchiv überliefert, die Unterlagen aus dem Postwesen des frühen 19. Jahrhunderts in sich birgt.

 Quelle: Stadtarchiv Bingen


Die Post in Bingen

In Bingen am Rhein gab es ab 1646 eine Taxis’sche Poststation, die mit den Postlinien nach Mainz, Bad Kreuznach, Koblenz und Alzey an das überregionale Thurn & Taxi Streckennetz angebunden war. Die Poststation befand sich in der Vorstadt auf dem Areal des heutigen Gasthauses „Zur alten Post“. Ludwig Gahr war der letzte Postillion von Bingen. 1925 hatte er seine letzte Fahrt. Ein Foto im Binger Stadtarchiv zeigt die Poststation im Jahre 1913 - mit einem Zeppelin über Bingen.

Die umliegenden Dörfer 

Zu den umliegenden Dörfern (zu denen auch die heutigen Binger Stadtteile gehörten) wurde die Post von Landbriefträgern gebracht. Bis in die 1880er Jahre war dieser zu Fußdorthin unterwegs, dann waren auch hier Pferdefuhrwerke im Einsatz.  

Um 1900

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Post- und Personentransport der Thurn & Taxis in den Ländern des Deutschen Bundes nach und verstaatlicht. Ab 1868 gehörte die Binger Postverwaltung zur norddeutschen Bundespost. Für das Jahr 1869 ist überliefert, dass im Binger Postamt 21 Menschen als Postbeamte und drei weitere als Postillione arbeiteten. Zudem weitere acht Personen, die sich um die neuartige Technik der Telegrafie kümmerten.

Stadtarchiv Bingen am Rhein