Stefan George - Lyrik

Monatliche Besprechung von Gedichten Stefan Georges.

Stefan George Gedicht

Gedichte

Einmal monatlich, jeweils zur Monatsmitte, lesen Sie auf dieser Seite ein Werk des 1868 in Bingen am Rhein geborenen Lyrikers Stefan George mit kurzer Kommentierung.

Wir bedanken uns bei der Stefan-George-Gesellschaft für die Auswahl der Passagen und Besprechung der Gedichte.


September 2017

Das lied das jener bettler dudelt
Ist wie mein lob das dich vergeblich lädt∙
Ist wie ein bach der fern vom quelle sprudelt
Und den dein mund zu einem trunk verschmäht.

Das lied das jene blinde leiert
Ist wie ein traum den ich nicht recht verstand∙
Ist wie mein blick der nur umschleiert
In deinen blicken nicht erwidrung fand.

Das lied das jene kinder trillern
Ist fühllos wie die worte die du gibst∙
Ist wie der übergang zu stillern
Gefühlen wie du sie allein noch liebst.

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IV, S. 91.


Wie-Vergleiche seien im modernen Gedicht als „Bruch der Vision“ zu vermeiden, riet der formbewusste Dichter Gottfried Benn 1951 in seiner Marburger Rede ‚Probleme der Lyrik‘, er, der einst, 1934, in seiner Rede auf Stefan George „Form und Zucht“ als zukunftsweisende, höchste Prinzipien Georges und seiner Dichtung gepriesen hatte. Unser Gedicht aus dem ‚Jahr der Seele‘ von 1897 besteht Strophe um Strophe aus je zwei weit ausholenden Wie-Vergleichen. Streng parallel gebaut, beginnen alle drei Strophen mit dem Satzsubjekt „Das lied“, dem sich jeweils ein Relativsatz anschließt, der mit einem auf das Handlungssubjekt dieses Nebensatzes bezogenen Verb endet („dudelt“, „leiert“, „trillern“). Nicht von „Drei weisen“ eines Sängers ist hier die Rede – wie im nachfolgenden Gedicht des Zyklus ‚Traurige Tänze‘–, sondern von deren dreien: „bettler“, „blinde“, „kinder“, und sie haben je unterschiedliche Qualitäten, die allein in je zwei Vergleichen erfasst werden können.

Ist wie mein lob ...
Ist wie ein bach ...

Doch ist die Intention des Verfassers nicht, wie erst einmal zu vermuten, auf ein Erfassen des jeweiligen Vergleichssubjekts gerichtet. Primär ist das in den Vergleichsversen aufgerufene Geschehen zwischen einem Ich und einem Du. Wie in manchen Gedichten Rainer Maria Rilkes – dessen Wie-Vergleiche Benn auch lobend nannte – ist nicht der Ausgangspunkt des Vergleichs wichtig, sondern der nachgestellte, mehr oder weniger ausufernde Vergleich selbst. Nicht die Lieder sollen durch die Vergleiche charakterisiert werden, sie dienen, sie sind dazu bestimmt, das Verhältnis zwischen dem Ich und dem Du zu fassen, hörbar, anschaubar zu machen. Abstrakt formuliert ist dieses Verhältnis auf Seiten des Sprecher-Ich durch Vergeblichkeit, Zweifel und Nichtverstehn, auf Seiten des Du durch Entzug, Antwortlosigkeit und Fühllosigkeit geprägt. Die in Georges Gedichten so wichtige Kommunikation der Blicke ist gar auf beiden Seiten gestört.

Dies wäre das Vokabular eines heutigen Gesprächs über Beziehungsprobleme, nicht aber ist es tauglich für ein Gedicht Stefan Georges, denn es hat keinerlei poetischen Mehrwert, ist alltäglich und banal. Die Vergleiche sind die poetische Substanz des Gedichtes wie auch seine äußerst gelungene Form der strikten Parallelität des Strophenbaus bei geringfügiger Varianz in Metrik und Rhythmus, Tempus (Präsens und Präteritum) und Lautkorrespondenzen.

Erhöhte Achtsamkeit aber gehört auch bei diesem in den Jahren 1894/95 entstandenen Gedicht seinem Schluss, den letzten beiden Versen. Hatten wir soeben noch im zweiten Vers der Schlussstrophe gelesen, dass die „worte“ des Du „fühllos“ sind, da macht das Wort „übergang“ hellhörig, und Übergang geschieht, indem der Vers in engem Enjambement vom Attribut „stillern“ zum Substantiv „Gefühle“ des letzten Verses übergeht. Ihm folgen ein letztes „wie“ und weitere Einsilber („du sie allein noch“), die den Vers verlangsamen, ihm rhythmisch Schwere verleihen und auf das allerletzte Wort von Vers, Strophe und Gedicht zuführen: „liebst“.

So steht am Ende des Gedichtes, wenn auch leise eingeschränkt durch das einleitende „noch“ die Liebe, ein nun allerdings stilleres „Gefühl“.

Ute Oelmann


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