Stefan George - Lyrik

Monatliche Besprechung von Gedichten Stefan Georges.

Stefan George Gedicht

Gedichte

Einmal monatlich, jeweils zur Monatsmitte, lesen Sie auf dieser Seite ein Werk des 1868 in Bingen am Rhein geborenen Lyrikers Stefan George mit kurzer Kommentierung.

Wir bedanken uns bei der Stefan-George-Gesellschaft für die Auswahl der Passagen und Besprechung der Gedichte.


Mai 2017

Hier schliesst das tor: schickt unbereite fort.
Tödlich kann lehre sein dem der nicht fasset.
Bild ton und reigen halten sie behütet
Mund nur an mund geht sie als weisung weiter
Von deren fülle keins heut reden darf ..
Beim ersten schwur erfuhrt ihr wo man schweige
Ja deutlichsten verheisser wort für wort
Der welt die ihr geschaut und schauen werdet
Den hehren Ahnen soll noch scheu nicht nennen.

Stefan George: Der Stern des Bundes. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VIII, S. 100.


Norbert von Hellingrath, ein George nahestehender Editionsphilologe, schrieb nach dem Empfang einer Vorausgabe des ‚Stern des Bundes‘ am 22.12.1913 an seine Braut: „übrigens, im neuen buch steckt auch nicht wenig Hölderlin drin.“ Er sprach damit aus, was der Dichter selbst eher zu verbergen trachtete, und die Forschungsliteratur zum ‚Stern des Bundes‘ bislang kaum beachtete, auch nicht, wenn sie Worte Georges aus der „Einleitung“ zum Buche aufgreifend, vom „geheimbuch“ sprach. Viel Geheimes, Verborgenes wurde seit 1914, dem öffentlichen Erscheinen der Gedichte, vermutet. Von der Kritik einerseits als reine Lehrdichtung ohne ästhetischen Mehrwert verachtet, wurden die einhundert Gedichte andererseits als Verkündigung eines Seherdichters verehrt und als Evangelium gelesen, zuletzt gar als Lehrbuch der Päderastie. Allein Hellingrath, der seit 1909 mit der Entdeckung und Edition der Pindar-Übertragungen Hölderlins und dessen weitgehend unbekannten späten Hymnen befasst war, erkannte und benannte eines der Geheimnisse dieser Gedichtsammlung, deren Entstehung allerdings teilweise bis in die Jahre vor den Hölderlinentdeckungen Hellingraths und Georges rascher Kenntnisnahme derselben zurückgeht.

Aber man musste und muss nicht Hölderlinherausgeber sein, um Hölderlin im ‚Stern des Bundes‘ auf die Spur zu kommen. Unser Gedicht aus dem Gedichtband von 1914 stellt ein „offenbar Geheimnis“ dar, ganz im Sinne Goethes, greift aber auch auf weit ältere Traditionen hermetischer Dichtung zurück. Spricht man das Gedicht, Georges Anweisungen folgend, laut, so verschließt sich sein Sinn schon in und mit dem ersten Vers und seinen Anweisungen: „Hier schliesst das tor: schickt unbereite fort“. An eine unbestimmte Gruppe gerichtet, ist zugleich auch der Sprechende angesprochen und muss seine eigene Bereitschaft überprüfen: kann er die „lehre“ fassen, eine „lehre“ die nicht abstrakt formuliert tradiert wird, sondern in den Künsten, in Dichtung, Musik und Tanz, d.h. in Symbol und Ritus bewahrt ist? Eine „lehre“, die nicht öffentlich weitergetragen wird, sondern von einem Bereiten an einen anderen? George steigert noch die Intimität der Weitergabe. Nicht von Mund zu Mund wird tradiert, sondern „Mund nur an Mund“, vielleicht gar im Kuss, weil sie als „weisung“ hier und heute nicht ins „wort“ gefasst werden darf. So bleibt das Gedicht auch weiterhin verschlossen. Welche „lehre“, welche „weisung“? da sie nicht in Sprache gefasst sein soll? Man mag je nach Herkunft und Bildung an Geheimorden, alte und neue, an die Templer oder die Rosenkreuzer denken, alles ist offen und zugleich verschlossen.

Doch dann setzt das Gedicht neu an, auf vergangenes Erleben verweisend („erfuhrt“, „geschaut“), auf eine geschaute „welt“ und auf deren „deutlichsten verheisser“ (Vers 7). Dessen Verheissung, dessen noch beschwiegene „worte“ werden in die Zukunft führen, in eine geoffenbarte „welt“. Georges, des Dichters, Wissen um diese „lehre“ und „weisung“ ist dem „hehren Ahnen“ verdankt, dessen Namen aus „scheu“ noch nicht genannt werden soll. Für uns laut Sprechende bleibt das „tor“ verschlossen, bleiben Leerformeln, bleibt Allgemeines. Doch hatte George nicht nur höchsten Wert auf die Stellung des Einzelgedichtes im Zyklus gelegt, sondern auch auf die Druckgestalt, war nicht die Wahrnehmung der Gestalt des Gedichtes ihm eine ebenso wichtige Voraussetzung für das Verstehen? Die Antwort auf unsere Fragen, der verschwiegene Name ist in der Gestalt des Gedichtes, in seiner Textur verborgen; wir haben sie hier im Druck hervorgehoben: Zieht man den ersten Buchstaben des ersten Verses, den zweiten Buchstaben des zweiten Verses, den dritten des dritten Verses bis einschließlich Vers 9 zusammen, so ergibt sich der Name des „Ahnen“, des „verheisser[s]“ und Lehrers: Hölderlin.

Eine „lehre“, eine Verheissung, zitiert George in leichter Abwandlung aus Hölderlins Roman ‚Hyperion‘: „LIEBE GEBAR DIE WELT ∙ LIEBE GEBIERT SIE NEU“ (SW IX, S. 14), und es wird eine „welt“ hoher Dichtung und neuer Religion sein.

Ute Oelmann


Archiv


Alles habend alles wissend seufzen sie:

>Karges leben! drang und hunger überall!

Fülle fehlt!<

Speicher weiss ich über jedem haus

Voll von korn das fliegt und neu sich häuft -

Keiner nimmt ..

Keller unter jedem hof wo siegt

Und im sand verströmt der edelwein -

Keiner trinkt ..

Tonnen puren golds verstreut im staub:

Volk in lumpen streift es mit dem saum -

Keiner sieht.