Stefan George - Lyrik

Monatliche Besprechung von Gedichten Stefan Georges.

Stefan George Gedicht

Gedichte

Einmal monatlich, jeweils zur Monatsmitte, lesen Sie auf dieser Seite ein Werk des 1868 in Bingen am Rhein geborenen Lyrikers Stefan George mit kurzer Kommentierung.

Wir bedanken uns bei der Stefan-George-Gesellschaft für die Auswahl der Passagen und Besprechung der Gedichte.


Oktober 2017

AN GUNDOLF

Warum so viel in fernen menschen forschen und in sagen lesen
Wenn selber du ein wort erfinden kannst dass einst es heisse:
Auf kurzem pfad bin ich dir dies und du mir so gewesen!
Ist das nicht licht und lösung über allem fleisse?

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Ste-fan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VI/VII, S.165.


Auch dieses Kurzgedicht gehört in den Zyklus ‚Tafeln‘ des ‚Siebenten Rings‘ (1907), der viele weitere spruchhafte Gedichte enthält, die sich sehr konkret auf Georges Biographie beziehen (s. dazu die Interpretation Ute Oelmanns von ‚An Sabine‘, September 2016). Es entstand 1899 und erinnert uns daran, wie eng sich bei George Leben und Werk ständig berührt haben. Das will er hier überhaupt nicht verbergen; und es kann uns dazu verleiten – oft neigen Leser dazu –, ein Gedicht, ja, einen literarischen Text überhaupt, möglichst rasch an die Biographie des Autors zurückzubinden, als sei dies der Sinn der Literatur, über ein Dichter-Leben Auskunft zu geben. Aber, zugespitzt gefragt, was geht uns das Leben der Dichter an? Sind wir dann nicht bloß auf eine indiskrete Weise neugierig? Georges ‚Tafeln‘ fordern diese Frage regelrecht heraus. Gib es da also mehr als bloß eine poetische Auskunft über einen Aspekt der Biographie?

Friedrich Gundolf (1880-1931), dem unsere ‚Tafel‘ gewidmet ist, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der bedeutendsten Literaturwissenschaftler und auch weit über die Grenzen des Faches hinaus bekannt. Er lehrte in Heidelberg. 1899 lernte er George kennen; damals schon ging Gundolf seinen historischen Interessen nach (Alexander der Große und Caesar beschäftigten ihn). Gundolf, so nannte George ihn, von Geburt hieß er Gundelfinger, wurde der Meisterschüler und Lieblingsjünger, bis die Freundschaft in den 20er Jahren zerbrach. Beide litten sie darunter. Aufgekündigt hat Gundolf seinem „Meister“, wie er ihn nannte, diese Freundschaft aber nie.

‚An Gundolf‘, den Jüngeren, wird eine Frage gerichtet: Welchen Sinn soll die ‚fleissige‘ und neugierige historische Forschung denn haben im Blick auf eine Freundschaft, die doch nur ein deutliches „wort“ der Zustimmung und des Bekenntnisses zum Älteren bräuchte? Müsste er sich nicht auf den Meister hin verpflichten? Käme es nicht darauf an? Man kann aus diesem Vierzeiler eine tiefe Skepsis gegenüber der Wissenschaft heraus hören, die um 1900 besonders scharf von Friedrich Nietzsche vorgebracht wurde. (Auf den dritten Teil seines ‚Zarathustra‘ könnte der Titel ‚Tafeln‘ anspielen.) Eine grundsätzliche Spannung zwischen akademischer Gelehrsamkeit und dem Leben wird hier zum Thema. Das Wort der Zustimmung aber würde bleiben, würde Erinnerung stiften an eine Freundschaft und damit den Sinn alles Historischen weit übersteigen. Und bleiben soll etwas von diesem kurzen gemeinsamen Lebensweg; so wichtig ist nämlich, was sich zwischen ihnen ereignet. George spürt hier schon, am Beginn dieser Freundschaft, dass es in Gundolf Kräfte und Interessen gibt, die ihn von ihm wegtreiben könnten. Bejahung und Melancholie zugleich, das ist ein Grundzug der Dichtung Georges.

Das Kurzgedicht schließt als rhetorische Frage. Sie wird aber in weichem, fließenden Rhythmus formuliert; „licht und lösung“: Durch eine Alliteration verbindet sich, was eigentlich erst noch zu suchen wäre. Wie umständlich und holpernd fast kommt dagegen der erste Vers daher: „Warum so viel in fernen menschen forschen und in sagen lesen“. Ein ganz diskreter Hinweis ist das in der poetischen Sprache selbst, worauf es ankäme: auf die Wort-Kunst, nicht auf die bloße Gelehrsamkeit.

Ausnahmsweise nehmen wir hier ein zweites Gedicht hinzu, ein Liebesgedicht, ebenfalls aus dem ‚Siebenten Ring‘, das letzte eines kleinen Zyklus von drei Liedern (‚Lieder I-III‘). Das mittlere Lied dieser drei Lieder ‚Mein kind kam heim‘ ist viel bekannter; Ute Oelmann hat es bereits im Juli 2015 vorgestellt:

Liebe nennt den nicht wert der je vermisst.. Sie harrt wenn sie nur schaut in qualen aus · Verschwendet schmuck und schatz die keiner dankt Und segnet wenn sie selbst als opfer brennt. Teurer! wie dem auch sei: dein pfad zum glück Den du nur kennst verdunkelt durch mein nahn. So reiss ich wund mich weg: dich wirre nie Ein los das leicht sich wider wunsch verrät. Süsser! ja mehr als dies: damit kein hauch Dein holdes spielen stört bleib ich verbannt Und doppelt duldend scheid ich und mein gram Spricht nur mit mir und diesem armen lied.

Stefan George: Der Siebente Ring. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Ste-fan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stutt-gart 1982ff., Bd. VI/VII, S.144.

Der Kommentar zur Kritischen Ausgabe weist darauf hin (SW VI/VII, S. 223), dass das Gedicht Anfang Oktober 1905 entstanden sei, als George dem inzwischen 14-jährigen Argentiniendeutschen Hugo Zernik erneut begegnete. Kennengelernt hatte er ihn bereits 1903. Sobald wir das wissen, meinen wir zu verstehen, und sehen uns bestätigt: Pädophilie und Homosexualität im George-Kreis, das muss der Schlüssel sein zu Leben und Werk. Marita Keilson-Lauritz und Thomas Karlauf (mit seiner großen Biographie), um nur zwei Namen aus der Forschung zu nennen, haben eindringlich gezeigt, wie wichtig für Leben und Werk tatsächlich war, was schon zu Lebzeiten als ein ‚offenes Geheimnis‘ gelten konnte.

Es ist ganz klar und duldet keine Legitimationen à la ‚platonischer Eros‘: Missbrauch von Minderjährigen und Abhängigen ist in gar keiner Weise zu rechtfertigen. Ja, aber… Dies hier ist zunächst einfach ein Liebesgedicht. Es spricht in der ersten Strophe über die Liebe, dass es einem fast wie eine poetische Paraphrase von Paulus, 1. Korinther 13 vorkommen mag. Die Liebe misst nicht, und sie zählt nicht, sie erwartet nichts, und sie kann bis zur völligen Selbsthingabe gehen. Aber wie das Gedicht zu sprechen beginnt, das ist schon ‚verwirrend‘ und lässt spüren, dass es nicht nur um das Hohelied der Liebe geht. Mit dem ersten Vers stolpert und holpert man förmlich in das Gedicht hinein. Es lohnt sich, diesen Vers laut zu lesen: „Liebe nennt den nicht wert der je vermisst“; sechs einsilbige Wörter; man kämpft im Lesen um den Rhythmus, bis das Gedicht mit dem zweiten Vers dann doch ins alternierende jambische Versmaß hineinfindet.

Die zweite und dritte Strophe sprechen nun ein männliches Du direkt an; und wir unterstellen sogleich einen ebenfalls männlichen Sprecher, weil wir auf den Autor zurückschließen. Aber über die Liebe wird gesprochen und über eine heftige Liebesbesziehung, nicht über Stefan George und Hugo Zernik. Wir mögen über den biographischen Hintergrund Bescheid wissen, den George in vielen Gedichten sogar selbst andeuten oder aufdecken kann – wie in ‚An Gundolf‘. Doch schon dort geht es um weit mehr als um einen gewiss sehr wichtigen Aspekt der Biographie Georges, Freundschaft und Homosexualität.

Die Größe der Liebe und die Macht des Begehrens werden in unserem zweiten Ge-dicht unumwunden eingestanden: „Süsser!“ Doch dem so Angesprochenen wird ein ganzes eigenes Recht zu seinem „pfad zum glück“ zugebilligt, den der Sprecher nicht ‚verdunkeln‘ und ‚wirren‘ darf. Er weiß, was er anrichten würde, und „verbannt“ sich selbst; er nimmt den „gram“ des Liebesverzichtes an und zieht sich ins poetische Selbstgespräch des ‚armen Liedes‘ zurück. ‚Arm‘ ist das Gedicht, weil es Sublimation ist und Verzicht, nicht das Leben selbst. Poetisch ‚reich‘ wird es aber gerade so.

Wolfgang Braungart


Nachbemerkung: Mit dieser Interpretation beenden wir unsere Reihe, in der wir seit mehr als drei Jahren für die Stadt und Region Bingen Gedichte Stefan Georges vorgestellt haben. Die gesammelten Interpretationen werden 2018, leicht überarbeitet, zum 150. Geburtstag des bedeutenden europäischen Dichters aus Bingen in der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung, Mainz, erscheinen.


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