Stefan George - Lyrik

Monatliche Besprechung von Gedichten Stefan Georges.

Stefan George Gedicht

Gedichte

Einmal monatlich, jeweils zur Monatsmitte, lesen Sie auf dieser Seite ein Werk des 1868 in Bingen am Rhein geborenen Lyrikers Stefan George mit kurzer Kommentierung.

Wir bedanken uns bei der Stefan-George-Gesellschaft für die Auswahl der Passagen und Besprechung der Gedichte.

Juli 2017

NACHMITTAG
Sengende strahlen senken sich nieder
Nieder vom wolkenfreien firmamente∙
Sengende strahlen von blitzender kraft.

Die südenklare luft in mittagstille.
Längs den palästen starb der menge wimmeln
Auf der fliesen feuer-bergender fläche.
Mit stummen zinnen und toten balkonen
Die langen mauerwälle starr dastehn
Heisshauchend wie wirkende opferöfen.
In den höfen umragt von säulengängen
Der versiegten brunnen kunst versagt∙
Auf beeten wo der büsche blätter sich krümmen
Halbverdorrter blumen odem lagert.

Sengende strahlen senken sich nieder
Nieder vom wolkenfreien firmamente.

Und dem Einsamen der mit entzücken sie fühlt
Der des gemaches duftender kühle entfloh
Gegenglut für verstörende gluten suchend
Stetig sie auf scheitel und nacken scheinen
Bis er rettender schwäche erliegen darf
Hingleitend bei eines pfeilers fuss.
Sengende strahlen senken sich nieder.

Stefan George: Hymnen Pilgerfahrten Algabal. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. II, S.14.


Millionen Touristen fahren oder fliegen jahrein jahraus nach Spanien, um sich an Stränden zu erholen, Sonne und Meer zu erleben; andere überfallen Städte wie Madrid, Barcelona, Valencia, feiern, trinken, essen und drängen sich durch weltberühmte Museen. Als Stefan George im August 1889 nach Spanien kam, in ein noch weitgehend agrarisch geprägtes Land, war er auf der Suche nach einer ihm noch wenig bekannten Sprache und Kultur, fasziniert von ihrem römischen, gallischen und maurischen Erbe. Eine gewisse Strenge und Herbheit gefielen ihm dort wohl stärker als die schwellende Vegetation und Lieblichkeit der zuvor besuchten südlichen Schweiz und Norditaliens. Damals fuhr man als 21jähriger Student nicht einfach nach Madrid, Toledo, Aranjuez, Murcia und San Sebastian, erst recht nicht, wenn man kein wohlhabender englischer Adliger oder arrivierter Künstler war.

Wir wissen kaum etwas über seine spanische Reise, nicht ob er dort Bekanntschaften machte oder gar Freunde fand, wissen nur, wo er in Madrid wohnte und dass er sich um die spanische Sprache bemühte. Spuren hat dieser frühe Spanienaufenthalt in einigen wenigen seiner Gedichte hinterlassen, in einer geringen Anzahl von Übersetzungen spanischer Dichtung sowie in der von ihm erfundenen Sprache lingua romana.

Eines dieser Gedichte ist „Nachmittag“, die vierte „Hymne“ seiner unter dem Namen Stefan George 1890 veröffentlichten Sammlung „Hymnen“, in nur 100 Exemplaren als Privatdruck erschienen. „Nachmittag“, ein Allerweltstitel für ein Gedicht mit hohem Anspruch, denn eben dieser Anspruch ist mit dem Bandtitel „Hymnen“ gegeben: Anknüpfung an eine große und lange Tradition und Widerspruch, Neubeginn zugleich. Sind diese reimlosen prosanahen Strophen und ihr daktylischer Refrain etwa hymnisch, das Gedicht ein Preislied, anknüpfend an antike oder frühchristliche Hymnik?

Es begegnen uns eine Überfülle an Licht, Hitze, Gerüchen („odem“ „hauch“), ein Handlungsort „palast“ wird aufgerufen durch „fliesen“, „zinnen“, „balkone“, „mauerwälle“, „höfe“, „brunnen“, „säulengänge“, „beete“ sowie – wenn auch nur im Vergleich auftauchende und doch leicht verstörende − „opferöfen“. Die schon damals zu Zeiten „wimmelnde“ „menge“ hat sich an kühlere Orte zurückgezogen, genauer gesagt, ihr “wimmeln“ „starb“, ein radikales, weil normalerweise jedes Leben beendendes Verb, das in den folgenden Versen nachtönt in „stumm“, „tot“, „versiegt“ und „halbverdorrt“. Obwohl wir Leser in diesen Strophen nicht in einem „du“ oder „ihr“ angesprochen sind, meinen wir doch den „odem“ „halbverdorrter blumen“ einzuatmen, so suggestiv wirkt nicht zuletzt die Lautlichkeit des Gedichtes.

Sind bislang (Vers 1-15) die „sengenden strahlen“ Subjekt des Gedichtes, so tritt mit Vers 16 unversehens in diese grelle Stille ein Einzelner, der „Einsame“. In Gegenbewegung zur „menge“ (Vers 5) ist er „des gemaches duftender kühle“ entflohn – man beachte den gelungenen Gegensatz von „heisshauchend“ und „duftender kühle“ − , eine für Südländer auch heute noch unsinnige Aktion. Und unsinnig ist sein weiteres Handeln und dessen Begründung: es gilt Feuer mit Feuer zu bekämpfen, Glut mit „Gegenglut“. Eine Korrespondenz von Innen und Außen wird von diesem Rasenden als Heilmittel gesucht, Gift gegen Vergiftung durch brennende Leidenschaft, durch ein die Einsamkeit überschreitendes Begehren. Erfüllung liegt so im Verlust der Sinne, am Ende stehen eine Bewegung der Unterwerfung und Hingabe und im ab-schließenden Vers die sengende, letztlich tödliche Kraft des Lichts.

Eine andere Ebene des Gedichts, die hier nur angedeutet werden kann, ergibt sich, wenn man mit Katharina Mommsen davon ausgeht, dass der Erlebnisort „palast“ mit dem Königschloss Escorial außerhalb Madrids gleichzusetzen ist. Der auch als Kloster dienende Palast wurde vom mönchisch lebenden, einsamen spanischen König Philipp II erbaut zum Ruhme und Andenken an den heiligen Laurentius und zwar „in Form eines Rostes“, weil dieser Heilige – der Legende nach – auf einem glühenden Rost den Märtyrertod erlitt.1

Eine Erwähnung des Escorials und eines Besuches dort findet sich nicht in den heute bekannten Briefen und Gesprächen Georges.

Ute Oelmann

1 Vgl. Katharina Mommsen: Zur Bedeutung Spaniens für die Dichtung Stefan Georges. In: George-Jahrbuch, Bd. 2 (1998/1999), S. 39f.


Juni 2017

Vogelschau

Weisse schwalben sah ich fliegen •
Schwalben schnee- und silberweiss •
Sah sie sich im winde wiegen •
In dem winde hell und heiss.

Bunte häher sah ich hüpfen •
Papagei und kolibri
Durch die wunder-bäume schlüpfen
In dem wald der Tusferi.

Grosse raben sah ich flattern •
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am grunde über nattern
Im verzauberten gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen •
Schnee- und silberweisse schar •
Wie sie sich im winde wiegen
In dem winde kalt und klar!

Stefan George: Das Jahr der Seele. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. II, S.85.


So wie wir Menschen über uns nachdenken können, so wie wir ein Bewusstsein unserer selbst haben, das uns auch vor uns selbst zur Verantwortung ziehen kann, so können sich Gedichte und literarische Werke überhaupt auf sich selbst beziehen und über Sinn und Zweck von Dichtkunst nachdenken. Bevorzugte Orte solcher Selbstreflexion sind Einleitungen, Vorreden an den Leser und Abschlüsse.

Stefan George ordnete seine Gedichte häufig in Zyklen an, so dass jedes einzelne Gedicht seinen besonderen, bestimmten Platz im Zusammenhang des jeweiligen Bandes oder der Gedichtgruppe bekommt. Die einleitenden und abschließenden Gedichte haben in diesen Zyklen eine herausragende Bedeutung. So ist es auch mit ‚Vogelschau‘. Es ist Teil des frühen Werks Stefan Georges und schließt den Zyklus ‚Algabal‘ von 1892 ab. Dabei bezieht es sich auf die vorausgehenden Gedichte und weist zugleich auf das kommende Werk voraus.

Auf den ersten Blick mag das vielleicht noch nicht recht einleuchten: Geht es hier nicht einfach um Schwalben, diese Frühlings- und Sommerboten, diese lebhaften, auf Wetterwechsel reagierenden Vögel, die ein lyrisches Ich wahrgenommen hat? Die ganze erste Strophe steht im Präteritum, wie auch die beiden folgenden Strophen, in denen weitere Vögel ins Spiel kommen: „häher“, zu den Rabenvögeln zählende Waldvögel, die zwar ein buntes Gefieder haben, aber nicht gerade dafür bekannt sind, schön zu singen. Dann „Papagei und kolibri“, hübsche, bunte Vögel aus einer exotischen Welt. Exotisch klingt auch der „wald der Tusferi“. Über diese Wortneuschöpfung Georges hat man viele Spekulationen angestellt. Kommt es von lat. turifer, Weihrauch tragend? Schließlich noch die „grosse[n] raben“ und „Dohlen schwarz und dunkelgrau“. Nun, mit der dritten Strophe, singt diese Vogelwelt nicht nur nicht mehr schön; sie ist auch nicht mehr schön anzuschauen.

Dieser Wahrnehmungsprozess bewegt sich vom ‚Hellen‘ und ‚Heißen‘ (Strophe 1) über das Bunte und Exotische (Strophe 2) bis zum Dunklen und Gefährlichen („Nah am grunde über nattern / Im verzauberten gehau“ – „gehau“ ist ein altes Wort für ein Waldstück, das für einen regelmäßigen Holzeinschlag vorgesehen ist).

Mit der letzten Strophe liegt all dies nun hinter dem Sprecher. Das Gedicht kommt im Präsens und wieder bei den Schwalben an. Wieder „wiegen“ sie sich im Winde. Der aber ist jetzt nicht mehr „hell und heiss“ wie noch in der ersten Strophe, sondern „kalt und klar“. Mit der poetischen Musterung der exotischen und gefährlichen Welten hat sich auch der Flug der Schwalben verändert. Die poetischen ‚Schwalben‘ müssen auch diese Sphären kennenlernen. Die Strophen des Gedichtes sind also selbst wie ein Zyklus angelegt. Der Kreis der Strophen schließt sich in der Rückkehr zum Anfangsmotiv der Schwalben. Und doch ist das Gedicht dabei vorangekommen. Aber wie? Man sieht: Am Motiv der Schwalben hängt hier alles; wir haben es ganz offensichtlich nicht mit einem einfachen Naturgedicht zu tun. Man kann das schon ahnen, wenn man sich auf die poetische Form der ersten Strophe einlässt. Alliterationen und Assonanzen, also gleiche Anlaute und Gleichklang der Vokale, dazu noch der Rhythmus einsilbiger Wörter, alle diese poetischen Mittel lenken unsere Aufmerksamkeit regelrecht auf die poetische Form: „Sah sie sich im winde wiegen • / In dem winde hell und heiss“. Die Verse wiegen sich gleichsam selbst. Dieses Gestaltungsprinzip wiederholt sich in der letzten Strophe noch einmal. Offensichtlich ist es George besonders wichtig.

Wie also könnte man die Schwalben verstehen? Seit der Antike gelten sie als Boten, die etwas Kommendes ankündigen. Das sagt schon der Titel. Der Augur, der Vogelschauer, versucht, aus dem Flug und den Geräuschen der Vögel den Willen der Götter herauszulesen. ‚Vogelschau‘ (lat. auspicium) ist das, was er für Politik und Staat betreibt. Georges Gedicht ist selbst eine Vogelschau; es zeigt uns verschiedene Vögel in ihrer Besonderheit. Für einen Dichter ist das Kommende nach dem Abschluss eines Werkes natürlich auch das kommende Werk; so sind es hier die kommenden Gedichte. Mit dem Vogel-Motiv können nämlich auch die Gedichte selbst gemeint sein. Georges Gedichte haben einen Klärungsprozess bis hin zu diesem Schlussgedicht durchlaufen. Jetzt sieht der Dichter distanzierter („kalt“) und ‚klarer‘. Nun, mit dem folgenden Gedichtband der ‚Hirten- und Preis-Gedichte . der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten‘, beginnt für George eine neue poetische Phase. Der Dichter betritt eine neue Welt. Das wird ihn zunächst in die Antike, dann ins Mittelalter und dann in den Orient führen. Dorthin fliegen die neuen poetischen ‚Schwalben‘.

Wolfgang Braungart


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