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Ein „ewiges“ Gedicht von Stefan George

Do 16.03.2017 | Pressemitteilungen

Blick in den Treppenaufgang im Stefan-George-Museum

Denk nicht zuviel von dem was keiner weiss!
Unhebbar ist der lebenbilder sinn:
Der wildschwan den du schossest den im hof
Du kurz noch hieltest mit zerbrochnem flügel
Er mahnte – sagtest du – an fernes wesen
Verwandtes dir das du in ihm vernichtet.
Er siechte ohne dank für deine pflege
Und ohne groll ... doch als sein ende kam
Schalt dich sein brechend auge dass du ihn
Um-triebst in einen neuen kreis der dinge.

Stefan George: Der Stern des Bundes. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. VIII, S. 107.

Stefan George war der Auffassung, dass Kunstwerke jeder Art, so auch Gedichte, seine eigenen Gedichte, ihre Entstehungszeit, ihr Jahrhundert und ihre Epoche in und mit sich tragen, von ihr gezeichnet sind und – noch schlimmer – dass manche oder viele von ihnen veralten. Manche können auch wieder erweckt werden, dann weht in späteren Zeiten „neuer hauch“ in ihnen (SW VIII, S. 37, V. 4). Andere – und das trifft seiner Meinung nach auch auf das Werk des großen Goethe zu − andere verbleichen, auch wenn wir sie „ewig nennen“ (‚Goethe-Tag‘,SW VI/VII, S. 10f.).

Das nur 10 Verse umfassende Gedicht aus dem ‚Stern des Bundes‘, erschienen am Vorabend des Ersten Weltkriegs 1914, mag auf den ersten Blick, bei erster Lektüre, befremden, ich aber möchte behaupten, dass es zu den ‚ewigen‘ Georges gehört. Sicher, die Verse schleichen sich nicht so in unsere Ohren wie ‚Lieder‘ Georges, sie leisten erst einmal Widerstand. Ist doch schon der erste Vers von zwei wenig lyri-schen Wörtern umschlossen: denken und wissen. Und es geht nicht um Gedenken, nicht um Andenken, nicht um Erinnern, eine der vielen Funktionen von Kunst und Dichtung, es geht um eine ergründendes Denken, um Wissenwollen, und es geht um ein Verbot: „Denk nicht“. Der bewanderte Leser assoziert auf der Stelle: Denkverbot, „ohne denkerstörung“ (SW II, S. 10), Dichtung als Gefühlsaussage, Stimmungslyrik sei angestrebt.

Aber das Gedicht fährt nicht dichtungsimanent fort, es greift tief in unser Leben ein und zwar nach dem Verbot mit einer apodiktischen Behauptung: die „lebenbilder“ sind dem reinen Intellekt oder auch dem rationalen, kausalen Denken nicht zugänglich, nicht erschließbar. Aber was sind „lebenbilder“? Der Dichter beantwortet diese Frage in den folgenden Versen des Gedichtes, indem er ein solches uns vor Aug und Sinn stellt, unserer Vorstellungskraft übergibt.

Eine kleine, eine bekannte Geschichte von Einem, der ein in Freiheit lebendes, schönes Tier, Symbol von Reinheit und Treue, letztlich grundlos abschoss, ein Naturwesen, zwar dem Schützen „fremd“ und doch als solches ein ihm „Verwandtes“: den „wildschwan“. Einsicht dämmert, steigt mahnend im zuvor Vernichtungswilligen auf, und er gibt nicht den tötenden Gnadenschuss, er pflegt das siechende, seiner Freiheit beraubte Tier („zerbrochene[r] flügel“), das jenem Albatros gleicht, der, auf den Schiffsplanken gefangen, nicht leben kann (Baudelaire) und jenem ‚Herr[n] der Insel‘, dem anderen großen Vogel in einem frühen Gedicht Georges, der von Mensch und Zivilisation vernichtet wird (SWIII, S. 18).

„groll“ oder gar Rache sind ihrem Wesen fremd, und so stirbt auch der „wildschwan“. Mit Vers 8 Mitte könnte das Gedicht enden. Ein „lebenbild“ steht vor uns, seine Bot-schaft, ja seine Moral, ist verständlich, allem voran der Einfühlung des Lesers. Doch endet das Gedicht nicht mit dem Sterben des Schwans. Zwei Punkte lassen uns Atem holen und bereiten uns vor auf den endgültigen Tod. Nun aber setzt Vers 8 wieder ein, unerwartet mit einem rhythmisch stark betonten „doch“. Der darauf folgende Satz, die nächsten eineinhalb Verse stehen dann erst einmal nicht im Widerspruch zum bisherigen Geschehen, sondern führen es zum erwarteten Ende:

„Doch als sein ende kam
Schalt dich sein brechend auge dass du ihn“

Ja was? Dass du ihn getötet hast? Das wäre eine verspätete Anklage, Widerspruch zum Beginn von Vers 8 „Und ohne groll“, und das „doch“ wäre ein sehr schwaches und mit ihm auch ein das Gedicht schwächendes. Nein, Vers 10 ist für das ganze Gedicht entscheidend, er verunsichert den Leser durch eine radikale Umkehr (der Vers beginnt just mit diesem „Um“ in „Um-triebst“, zwei schweren Silben) und der Rückkehr zu „dem was keiner weiss“ (Vers 1), was nur im „auge“ der sterbenden Kreatur für einen Augenblick ahnbar wird: der Tod ist nur ein Übergang im „kreis der dinge“.

Mehr aber können wir als Menschen nicht wissen, nicht denkend ergründen, keine Religionen, keine Philosophien. Das ist jedenfalls die Einsicht Stefan Georges. Davon spricht dieses Gedicht, andere im Kreis der 100 Gedichte des ‚Stern des Bundes‘ mögen anderes sagen.

Ute Oelmann

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