Mäuseturm

Prizren - Ein Reisebericht

Mai 2002
Eine Kurzreise ins Kosovo - persönliche Eindrücke

Anfang Mai 2002 hatten wir die Möglichkeit, mit Frau Oberbürgermeisterin Collin-Langen und ihrem Referenten, Herrn Port, das Kosovo zu besuchen.

Der Anlass: Defrim, ein junger Mann aus Prizren, war 1999 während des Kosovo-Krieges als Flüchtling in Bingen gelandet und für 8 Monate unser Gast.

Der Kontakt zu ihm und seiner Familie war in den vergangenen 2 ½ Jahren nie abgebrochen. Noch spät in der Nacht vor unserem Abflug kam sein letzter Anruf: Kommen Sie auch wirklich??

Frankfurt – Wien – Pristina – vier Stunden nach dem Abflug landen wir auf dem Flughafen, der vor 3 Jahren umkämpft und teilweise zerstört war und heute notdürftig renoviert ist. Im Flugzeug neben uns fast ausschließlich Kosovo-Albaner, die im Ausland leben, arbeiten, zu Besuch nach Hause kommen. Eine junge Frau aus den USA mit einem 2-jährigen, völlig überdrehten Kind; sie ist seit 36 Stunden unterwegs, kommt zum ersten Mal seit 3 Jahren zu Besuch nach Hause. Der junge Mann neben mir, er lebt in Österreich, erklärt mir die Verzögerung beim Aussteigen: mit der kleinen Maschine neben uns kommt Präsident Rugova aus Den Haag von der Gegenüberstellung mit Milosevic zurück. Grosses Empfangskomitee, Sicherheitsleute, Soldaten.

Dann sind wir dran.
Unser Empfangskomitee ist kaum kleiner, dafür weniger militant. Frau Collin-Langen und Herr Port werden von der Fußballjugend aus Prizren in schwarz-weißen Trikots mit Rosen in den Händen umzingelt, begrüßt und gedrückt. Auch wir werden herzlich umarmt und mit Rosen beschenkt. Die KFOR-Soldaten, die uns nach Prizren bringen werden, halten sich im Hintergrund.

Defrim ist mit Frau und Kindern angereist, die Wiedersehensfreude ist groß, Defrim spricht immer noch gut deutsch. Bei Senije, Blendi und Nori hilft uns die Umarmung über die sprachliche Hürde.

Im Jeep geht’s über die Strassen Richtung Prizren. Vor uns öffnet sich eine Landschaft, die an Oberitalien erinnert. Aber Minenräumfahrzeuge am Straßenrand, Häuser mit Einschusslöchern und viele zum Teil halbfertige Neubauten bringen uns ganz schnell wieder auf den Boden der Realität und lassen ahnen, was sich hier vor erst kurzer Zeit abgespielt hat. Dieser Eindruck wird uns die nächsten drei Tage überall begleiten, ganze Dörfer sind neu oder neu bedacht.

Unser Chauffeur, ein Schweizer KFOR-Offizier, gibt uns erste wichtige Informationen. Eine der ersten Aufgaben nach dem Krieg 1999 bestand für die Soldaten darin, den Menschen vor dem Winter wieder ein Dach über dem Kopf zu schaffen. "Wir sind hier, um die Sicherheit und Bewegungsfreiheit der Bürger zu garantieren, ethnisch bedingte Auseinandersetzungen zu verhindern. Im Herbst 1999 aber war erst mal tatkräftige Hilfe und Zupacken notwendig!"

Wir kommen vorbei an Suva Reka, der Name ruft die Erinnerung an Massaker wach, darunter allein 50 – 60 Menschen einer Großfamilie. Was hier geschah und wie es hier vor drei Jahren aussah, überschreitet die Vorstellungskraft.

Der Eindruck einer idyllischen Landschaft wirkt durch Müll am Straßenrand ernüchternd.


Unser Begleiter – im Zivilberuf Physiker – erklärt uns, wie sich einzelne KFOR-Soldaten in Einsätzen für Umweltschutz, Aufforstung, Sauberhalten der Städte engagieren. Dieses Engagement für das Land und seine Bevölkerung zieht sich wie ein roter Faden durch alle Begegnungen mit den KFOR-Soldaten während unserer Reise. Es wird uns deutlich, warum die KFOR als zuverlässiger Mittler beim Einsatz der Spendengelder aus Bingen für Prizren ausersehen wurde.

Zusammen mit Defrim besuchen wir am Abend im Kulturzentrum in Prizren eine Veranstaltung des Gymnasiums zu Ehren von Frau Collin-Langen und einer Gruppe von Gastschülern aus Bingen. Tanz, Musik, Schauspiel und Poesie – national und politisch geprägt. Neben volkstümlichen Trachtentänzen kritisch-karikierendes Theater, das wir mehr über die Gestik als über die Worte verstehen.

Am späten Abend noch ein Bummel durch Prizren. Defrim zeigt uns stolz die wunderschöne alte Brücke über den Lumbard (weißer Schaum), vor ca. 500 Jahren von den Türken erbaut. Wir kommen an der Moschee vorbei - im Hintergrund eine alte türkische Burg - bis hin zum Freiheitssymbol der Albaner, der neuerbauten Gründungsstätte der ‚Albanischen Liga‘ – sie war 1999 von den Serben zerstört worden.

Die Stadt ist voller Menschen, an einigen Kreuzungen und Brückenübergängen stehen Check-points mit bewaffneten Soldaten. Die Kriminalitätsrate ist zwar in den letzten drei Jahren gesunken, aber immer noch sehr hoch. Vor einer Woche erst wurde die nächtliche Ausgangssperre zwischen 20 Uhr und 5 Uhr früh aufgehoben.

Unser zweiter Reisetag beginnt früh, Defrim und ein Freund holen uns ab. Wir wollen die Gegend erkunden und Defrims Elternhaus in dem Gebirgsort Brezne besuchen. Wir fahren Richtung albanische Grenze, links liegt der Bergrücken zum nahen Mazedonien, rechts geht der Blick hinüber nach Albanien. Obwohl kaum Verkehr herrscht, geht’s oft nur im Schritttempo vorwärts, abseits der Hauptverbindungen sind die Strassen noch in einem desolaten Zustand und unser Chauffeur umkurvt riesige Löcher.

Auf dem Weg entlang dem Flussbett des Drim ein Gedenk- und Mahnmal für einen getöteten Freund, bis zur Grenze kommen wir an weiteren Gedenkstätten vorbei. Panzersperren zwingen uns, die letzten Meter zu Fuß weiter zu gehen. Dies war der Fluchtweg von Defrims Familie im März 1999 über die Grenze ins Flüchtlingslager in Kukes. Überall Militär – uns ist nicht wohl, die Kamera bleibt in der Tasche.

Auf dem Rückweg legen wir eine Kaffeepause in einem wunderschön gelegenen Restaurant ein, eine friedliche Oase mit Forellenteichen, herrliche Wiesen links und rechts. Die Warnung der KFOR-Soldaten im Ohr: Achtung Minen, keinen Meter runter von den Strassen - und der Wunsch, ein paar Schritte zu gehen, erlischt im Aufkommen.

Die letzten zwei, drei Kilometer bis zu unserem Ziel Brezne sind eigentlich nicht mehr für Autos gedacht. Hier ist Endstation auch für Busse. Es wird steil und holprig. Schulkinder und Dorfbewohner machen den Weg bei brütender Hitze und klirrender Kälte zu Fuß.

Als wir dennoch auf vier Rädern vor Defrims Elternhaus ankommen, werden wir von der ganzen Familie erwartet. Vater, Mutter, die Schwester mit zwei kleinen Kindern, der Bruder mit Frau und zwei Buben. Das Eis ist schnell gebrochen und wir werden mit einer Herzlichkeit und Gastfreundschaft aufgenommen, bei der einer den anderen übertrifft.
In großer Runde sitzen wir im Wohnraum auf dem Boden, erzählen, lassen uns erzählen, werden bewirtet und verwöhnt, schenken und werden beschenkt.

Mit Stolz zeigt uns Vater Yzer sein Haus, die Reparaturen lassen die Kriegsschäden noch erkennen. Eine sparsamst eingerichtete Außenküche, im Stall zwei Kühe und zwei Kälbchen. Die Tiere sind mager. Hinten im Hof drei Hühner. Die Zeit vergeht sehr schnell. Auf dem Weg zur Kreisstadt Dragash kommen wir an einem Bauern vorbei, er bearbeitet sein Feld von Hand mit der Harke.

Der Bürgermeister von Dragash, ein ehemaliger Lehrer von Defrim, begrüßt uns herzlich und gibt uns einen Einblick in den Verwaltungsaufbau der Stadt. Dem örtlichen Verwaltungsapparat steht ein politischer aus UNMIK-Vertretern (UN Mission in Kosovo) zur Seite. Sie müssen zusammen einen Konsens für ihre Aufgabenbereiche treffen.

Zurück in Prizren können wir am späten Nachmittag mit Frau Collin-Langen und Herrn Port das Feldlager der KFOR-Soldaten besuchen. Nach strenger Kontrolle – unser Pass bleibt als Pfand bei den Wachposten – dringen wir in eine uns unbekannte Welt ein. ‚Einmal rundum gejoggt macht circa 3000 m‘ umfasst unser Begleiter die Größe des Terrains. Ungefähr 3000 Soldaten machen hier Dienst. Im Gespräch mit General Bach und anschließenden Diskussionen mit Offizieren erfahren wir in sachlich-knappen Worten die Aufgabenbereiche der KFOR-Soldaten, ihre Einsätze und Erfahrungen in der Zeit direkt nach dem Krieg, die Einschätzung der Situation heute und vor allem auch für die Zukunft. ‚Das Land wird noch viele Jahre, um nicht zu sagen Jahrzehnte Hilfe von außen brauchen, um zu einer wie auch immer gearteten Normalität zu gelangen‘ ist die übereinstimmende Prognose unserer Gesprächspartner.

In der Kantine treffen wir die Schülergruppe aus Bingen, auch sie hatten die Gelegenheit, sich im Feldlager umzusehen und zu informieren.

Der Abend klingt aus bei einem Abendessen, zu dem Freunde von Frau Collin-Langen und Defrim einladen. Nach den Eindrücken des Tages ist der Gegensatz groß. Im Hinterkopf schwirrt die Zahl von 70 bis 80% Arbeitslosen.

Der dritte und letzte Tag unserer Reise beginnt wiederum früh, um 7 Uhr geht’s mit Defrim zusammen im Bus nach Pristina. Unterwegs steigt eine junge Frau ein, sie schaut Defrim an, schaut uns an, und nach einigem Zögern spricht sie uns an: auch sie war 1999 als Flüchtling in Ingelheim untergebracht. Die Welt ist klein!

Im Zentrum der Stadt, nahe der Universität, kommen wir in Defrims Wohnung, vier Zimmer, Küche, Bad. Defrim, Senije und die beiden Buben teilen sich die Wohnung mit fünf Studentinnen. Von den Mieteinnahmen lebt die Großfamilie in Brezne, Defrims Verdienst als Mitarbeiter der Universitätsbibliothek und als Geschichtslehrer muss für seine vierköpfige Familie reichen. Beim Gang durch die Strassen konnten wir die Lebensmittelpreise vergleichen – z.B. 1 kg Kartoffeln 1 Euro 20. Wie weit reichen ca. 250 Euro, ein - relativ gesehen - gutes Monatseinkommen?

Die Gastlichkeit von Senije kennt keine Grenzen, sie muss mindestens zwei Tage in der Küche zugebracht haben. Der einzig beruhigende Gedanke dabei ist: das Festessen für uns wird später ein Festessen für alle sein!
Der neunjährige Blendi zeigt uns stolz sein Mathematikbuch, Mengenlehre ist gefragt. Der Schulbetrieb, der jahrelang für die albanischen Kinder im Untergrund stattfinden musste, hat wieder ein offizielles Gesicht.


Defrims Kollege aus der Bibliothek bringt uns mit dem Auto zum Flughafen. Er spricht etwas französisch und berichtet von Verwandten, deren Vater und Sohn seit 3 Jahren vermisst sind, von weiteren 8 Mitgliedern seiner Großfamilie, die im Krieg umgekommen sind. ‚Drei Jahre können sehr lang sein, wenn man wartet, aber auch sehr kurz, wenn man vergessen will.‘ Der Weg führt uns an einer Reihe noch zerstörter Häuser vorbei, an Kasernen.

Am Flughafen großer Abschied von Defrim und von unseren Begleitern, den KFOR-Soldaten.

Wir verlassen ein gebeuteltes Land in der Hoffnung, dass die vielen sichtbaren Initiativen Früchte tragen.

Danke allen so hilfsbereiten KFOR-Soldaten!
Faliminderit Prizren!
Faliminderit Defrim!

MIREU PAFSHIM – Auf Wiedersehen! Hans Peter und Gerhild Steudel

Newsletter