Rückblick 2011
Profunde und komplexe Klangstrukturen
21.03.2011- Auszug aus Allgemeiner Zeitung Bingen
Von Gernot Blume
MEISTERKONZERT „Hamburg Chamber Players“ gastieren in Villa Sachsen mit „Bohemian Rhapsody“
Bohemian Rhapsody: Unter diesem Thema stand das Konzert der „Hamburg Chamber Players“ in der Villa Sachsen. Nein, nicht der gleichnamige Song-Titel der Rock-Band Queen ist mit dem Titel gemeint, sondern der musikalische Stil böhmischer Komponisten aus dem Zeitalter der Romantik. Aber was die beiden entfernt liegenden musikalischen Welten tatsächlich miteinander verbindet, ist die spielerische Erforschung des stilisiert Episodischen. Eingängige Melodien, oft folkloristischer Couleur, werden jäh unterbrochen oder durch komplexe Harmoniewendungen überraschend in andere Gefilde entführt. Das konnte auch Freddie Mercury von Queen mit einer in der Rockgeschichte einzigartigen Virtuosität. Und mit ziemlicher Sicherheit hätten die hier versammelten Komponisten Suk, Janácek, Smetana, Mahler und Dvorák das Talent dieses futuristischen Pop-Bohémiens bewundert.
An diesem Abend aber ließen Geige, Bratsche, Cello und Klavier in wechselnden Kombinationen die rhapsodische, von der Verbindung zur böhmischen Heimat gefärbte Ästhetik erklingen. Bereits in der Ballade für Cello und Klavier von Josef Suk, die das Konzert einleitete, schlug sich der programmatische, böhmische Stil eindrucksvoll nieder. Frei von formalen Zwängen und mit jugendlich ungezähmter Verve drängen in diesem eindrucksvollen Werk lyrisch-elegische Phrasen auf plötzliche Abgründe zu. Der satte, vibratoreiche Celloton von Rolf Herbrechtsmeyer schien wie geschaffen für diese Dramaturgie. Große Präzision und Präsenz auch in den höchsten Lagen unterstrichen das große Können des Musikers. Gustav Mahlers Kammermusikwerk produzierte den nächsten Höhepunkt des geschickt choreographierten Programms. Aber auch im kleinen Format schreibt Mahler mit spätromantisch gesättigter und bis zum maximalen Effekt ausgereizter Tonalität. Schwelgende und doch nie kitschige Akkorde wälzen sich einem offen gehaltenen, vergleichsweise undramatischen Ende mit fast lapidar dahingezupften Saitenpizzicati entgegen.
Die zweite Hälfte aber, Dvoraks Klavierquartett in Es Dur, ließ alles andere zu einer bloßen Aufwärmübung zusammenschrumpfen. Die fein abgestimmten Streicher bewegten sich in fast jeder Situation sicher über den kontrastierenden Klangteppich des von Yuko Hirose anstrengungslos beherrschten Klaviers, wenngleich ab und zu die kleinen Saiteninstrumente voluminös überschattend - aber die kammermusikalische Bändigung des Bösendörfer-Monsters im allzu kleinen Rheinsaal bleibt eine nahezu unlösbare Herausforderung. Verschmitzt und äußerst humorvoll verwebt Dvorak nahezu banale Kaffeehausmelodik zu profunden und komplexen Klangstrukturen. Tiefgetränkte Emotionen sind hier nicht subtil verschnörkelt, sondern liegen bar auf der Hand. Dem nicht zu sehr postmodern ernüchterten Hörer gibt das immer wieder eine unvermeidliche Gänsehaut.
Flöte trifft Piano
19.01.2011 - Auszug aus Allgemeiner Zeitung Bingen
Von Kathrin Biegner
MEISTERKONZERT Französische Musik steht im Mittelpunkt
Meisterinnen ihres Fachs spielen zum Auftakt der Binger Meisterkonzert-Reihe diesen Jahres in der Villa Sachsen: Flötistin Anne-Cathérine Heinzmann und Pianistin Elisaveta Blumina begeistern das Publikum mit drei Sonaten französischer Komponisten.
Dazu stellt die Münstersarmsheimerin Angelika Ströbel - passend zum Jahresmotto „Heimat“ der Meisterkonzerte - vier ihrer Bilder aus. Für diesen Abend findet sie besonders „Erinnerung an einen Wein“ treffend. Auf der Leinwand dominieren Gold- und Grüntöne, die abgesehen von den Konturen eines Glases verschwimmen. „Die Töne der Flöte verflüchtigen sich, man kann sie nicht packen. Gleiches passiert mit den Wolken oder Blättern auf diesem Bild,“ erklärt Ströbel.
Auch Ströbel hört Anne-Cathérine Heinzmann und Elisaveta Blumina im Zusammenspiel das erste Mal an diesem Abend. Die beiden renommierten Musikerinnen starten mit Francis Poulencs Sonate für Flöte und Klavier, eines der bekanntesten Werke des französischen Komponisten. Im Dialog beginnt das Spiel der beiden. Die Rollenteilung scheint klar, der Flügel übernimmt den dunkleren Part, vorwitzig und positiver ist Heinzmanns Flötenspiel. Mit großer Gestik und Mimik begleitet Blumina den Tanz ihr Finger auf der Tastatur. Wie auf ein Beutetier starrt die gebürtige St. Petersburgerin auf ihr Notenblatt, und - peng - schlagen ihre Finger auf die Klaviatur, gefolgt von einem Schnicken des Kopfs, das ihre dunklen Locken nach hinten wirft.
Die rund fünfzig Jahre ältere Sonate für Flöte und Klavier von Gabriel Pierné steht als nächstes auf dem Programm. Immer höhere Töne entlockt Heinzmann ihrer Flöte. Ihre Wangen beben, während sie die Luft zum Anblasloch bewegt, um den Ton am Leben zu erhalten. Britta Roden aus Wiesbaden ist begeistert von dem Spiel: „Ich hatte eben Tränen in den Augen. So kann nur Anne-Cathérine Heinzmann spielen. Dieser supervolle Flötenklang ist ihr Markenzeichen.“ Auch die Pianistin gefällt ihr.
Mit der Sonate A-Dur für Flöte (Violine) und Klavier von Piernés Lehrer, Cesar Franck, brilliert das Duo Heinzmann und Blumina noch einmal. Heinzmanns sanftes und zugleich volles Spiel bewegt. Bei der grauhaarigen Dame mit Kurzhaarschnitt in der dritten Reihe zaubert es ein Lächeln auf das Gesicht. Nicht nur die beiden Musikerinnen sind hochkonzentriert; auch das Publikum scheint ganz in die Musik vertieft.
Viel zu schnell ist das Konzert vorüber. Der vollbesetzte Saal gebührt den beiden Künstlerinnen anhaltenden Applaus und bekommt eine Zugabe, einen Folksong. „Etwas ganz Ungewöhnliches,“ wie Blumina ankündigt - somit passt die Zugabe perfekt zu dem Rest des Konzerts dieser außergewöhnlichen Musiktalente.