Rückblick 2009
Amadeus Guitar Duo
Allgemeine Zeitung, 12. Januar 2009
Überraschende Gitarrenklänge
Von Gernot Blume
BINGEN. Sie ist ein musikalisches Standardsymbol: die allgegenwärtige Gitarre. Aber so hört man sie nicht oft. Das Spannende am Programm „Contrasts" des deutsch-kanadischen Gitarren-Duos mit Dale Kanavagh und Thomas Kirchhoff ist die konsequente Mischung aus alter und neuer Musik unterschiedlicher kultureller Herkunft für diese Besetzung. Denn die Ausdrucksstärke dieses intimen, kammermusikalischen Instruments ist - in keinem schlechten Sinne - beschränkt.
Intensive Ausstrahlung
Sie lädt ein zur Konzentration, zum Hineinlauschen in die musikalischen Möglichkeiten. Das vermitteln die beiden Musiker mit Einfallsreichtum, Können und intensiver Ausstrahlung. Trotz Winterskälte fand sich ein den Rheinsaal der Villa Sachsen füllendes Publikum, das die Kunst der Musiker mit Begeisterung honorierte. Das erste Stück, aus der Zeit der englischen Renaissance, wirkte wie eine Eröffnung des Klangraumes, der die Zuhörer in den Bann ziehen wollte.
In der darauffolgenden Toccata des Komponisten Franz Burkhart wurde in unruhigen, bedrohlich wirkenden Melodielinien ein Gitarrenklang erforscht, der der Zerrissenheit des zwanzigsten Jahrhunderts Rechnung trägt.
Ein Höhepunkt des Konzerts war die Bearbeitung einer Händel-Chaconne für Cembalo. Hier war das Ergebnis in gewissem Sinne mehr als das Original: Der stereophone Effekt der zweigeteilten Partitur, mit Melodien, die im Raum von einer auf die andere Gitarre wie Feuerfunken übersprangen, die subtilen Klanggestaltungen, deren das Cembalo selbst gar nicht fähig ist, wie Flageoletttöne oder klangfarbliche und dynamische Abstufungen durch unterschiedlich angezupfte Saiten, bewirkten eine Lebendigkeit und Aussagekraft, die über das ursprüngliche Medium hinausgingen.
Gelunger Brückenschlag
Ein gelungener Brückenschlag über die Epochen hinweg. In der Palettenvielfalt war außerdem eine von Kavanaghs eigenen Etüden für Solo-Gitarre zu hören, ein neo-romanti-sches, Arpeggio-beladenes Stück, das in starkem Kontrast zu den ruppigen und kantigen Klanggebilden des modernen Andre Jolivet stehen wollte. Folkloristisch und harmonisch versöhnter anmutende Melo-dien entstammten der Feder des Venezolaners Alfonso Montes, und, wenngleich ein wenig manieristisch, aber doch erinnerungsträchtig war der Einsatz von batteriebetriebenen Mini-Ventilatoren zum tremoloartigen Anschlag der Saiten in der Komposition „Casablanca" von Jaime Zena-mon.
Etwas für jeden, der sich die lohnenswerte Mühe machte, diesen Abend dem unerbittlichen Alltagsfluss der Zeit zu entreißen.
Das Rennquintett
Allgemeine Zeitung, 10. März 2009
Bach mit Blues vermischt
BINGEN
"Rennquintett" begeistert Erwachsene und Kinder
(cts). Sie greifen mit leichter Hand in die Schubladen von E-Musik und Unterhaltungsgenre, nehmen ihr Publikum mit auf die Reise durch Musik-Jahrhunderte, zeigen Können mit charmantem Augenzwinkern: Das "Rennquintett" spielte in Bingen zweimal vor ausverkauftem Haus.
Blechbläser erobern den Konzertsaal der Villa Sachsen. Vor über 20 Jahren kam das Ensemble aus den Reihen des SWF-Rundfunkorchesters zusammen. Großes Orchester und Staatsphilharmonie sind für einen Musiker viel - aber eben nicht alles. Die beiden Trompeter Peter Leiner und Uwe Zaiser, der Posaunist Jochen Scheerer, der Tubist Ralf Rudolf und der Hornist Sjön Scott bilden ein Quintett der besonderen Art. Denn ihre Musik vereint intelligent Stile und Epochen: Mal verquirlen sie Bach mit Blues wie zum Auftakt, mal Marsch mit Menuett oder stellen Barock und Pop gegeneinander. Was sich nach schriller Mixtur anhört, bietet Augen und Ohren Kurzweiliges, frech und dennoch auf hohem Niveau. Mitwippende Füße, Mitklatschen und Lachen im Publikum beweisen: Der Spaß an der Musik von den Fünfen in Frack und Fliege ist ansteckend.
"Reine Blechbläser-Ensembles haben mich vorher nie begeistert", räumt eine Zuhörerin ein. Ihre Freundin musste sie zum Binger Meisterkonzert überreden. "Jetzt bin ich Fan." Was sie überzeugte: Ein fünfsätziges Werk, das mit großer Virtuosität Don Quijote und seine Gefährten in Töne goss. Da hörten die Zuschauer den Gehfehler der wiehernden Rosinante oder den tumben Sancho Pansa in einfachem Dur-Akkord. Der Kampf gegen Windmühlen in Musik umgeschrieben begeisterte. Aber auch für Glenn Miller als Fernseh-Pannenstück oder Hörproben als Posaunenchor sind sich die Musiker nicht zu schade.
Locker und leicht soll ein Rennquintett-Abend sein, der Humor wird zum Makler für Musikverständnis. Ein gutes Händchen beweisen die Musiker nicht nur an den Ventilen bei Erwachsenenkonzerten. Auch vor Kindern stimmt der Ton. Mitmachen war nachmittags angesagt, Klatschen ohnehin. Zum Schlafendstellen und Säbeltanz wurden die jungen Zuhörer aufgefordert. Für Erwachsene darf´s noch ein bisschen mehr von dem Stilgrenzen überschreitenden Musikgenuss sein. Konzertsaalstille geht anders. Und wo Schostakowitsch unvermittelt auf "Es gibt kein Bier in Hawaii" trifft, da bleibt Lachen gar nicht aus. Nebenbei erfährt der Zuhörer, wie Sticheleien zwischen Streichern und Bläsern funktionieren, warum Mozart keine Blechbläser-Literatur komponiert hat und dass sich sogar mit einer schweren Tuba lässig winken lässt.
Mainzer Kammerorchester
Allgemeine Zeitung, 28. April 2009
Dem Barockstar zu Ehren
BINGEN
Von Gernot Blume
KONZERT Mainzer Kammerorchester spielt Händel
Einen interessanten Programmablauf stellte das Ensemble zusammen, um das Werk Georg Friedrich Händels aus gegebenem Anlass zu würdigen: Zwei zeitgenössische Kollegen Händels - Telemann und Bach - umrahmten die Auswahl, ergänzt durch Erläuterungen zu Händels Lebensgeschichte, die ein Bild des Komponisten als Autodidakt, Kosmopolit und Superstar vermittelten. Ein den Rheinsaal der Villa Sachsen bis zum Rand füllendes Publikum folgte der Hommage des Mainzer Kammerorchesters begeistert.
Zweifelsohne war der musikalische Höhepunkt die Zusammenarbeit mit der italienischen Harfenistin Patrizia Tassini, die im Händelschen Harfenkonzert in B-Dur brillierte. Das Stück ist mit tiefem Verständnis für seine technischen Eigenheiten dem Soloinstrument auf den Leib geschrieben, die in Italien, Frankreich und USA ausgebildete Tassini lieferte nicht nur eine einwandfrei virtuose, sondern auch musikalisch ausdrucksstarke Interpretation des Paradestücks.
Ein Feuerwerk von Arpeggios, Oktavläufen, Flageoletttönen, perlenden Hochgeschwindigkeitspassagen, präziser Pedalarbeit zur Modulation des harmonischen Materials, alles aus einem fehlerfreien Gedächtnis mit robuster Herangehensweise meisterhaft musiziert. Kein stereotyp graziler Harfenengel, sondern eine kraftvoll geerdete und dennoch hochsensible musikalische Persönlichkeit.
Denn sowohl rhythmische Sauberkeit, spieltechnische Genauigkeit als auch Intonation funktionierten hier in den schwierigeren Passagen der Flöte und Geigen nicht immer auf demselben Niveau.
Trotzdem: Das begleitende Kammerensemble in der Formation von Streichern, Flöte und Cembalo schwang sich vor allem in der zuletzt erklungenen 2. Orchestersuite in h-Moll von Bach zum weiteren Höhenflug auf, einem Werk, das alle Händelschen Produkte des Abends durch seinen Abwechslungs- und Einfallsreichtum, die Komplexität der polyphon verwobenen Melodien sowie die Ausdrucksstärke seiner Texturen in den Schatten stellt.
Aber diese Gegenüberstellung, die den Jubilar in einen über ihn hinausweisenden Kontext stellte, belebte den Abend und gehört zum Verdienst der verantwortlichen Musiker. Auch die vom Publikum geforderte Harfenzugabe vor der Pause, das einzige Stück, das nicht der barocken Epoche, sondern der Feder des spanischen Komponisten Isaac Albéniz (1860-1909) entstammte, zeigte durch seinen Kontrast auf, wie sich abendländische Musikkultur von Händel an weiterentwickeln würde, und erfrischte das Ohr mit harmonischen Wendungen, die im Barock undenkbar gewesen wären. Eine schöne Überraschung war Händels Sonate in g-Moll, welche die normalerweise führenden Geigen in den Hintergrund rückte, und stattdessen Bratsche und Cello in einem abwechselnden melodischen Dialog aus ihrer begleitenden Rolle befreite.
Wenn das Cello wie ein Echo eine Phrase der Bratsche übernahm, konnte man durch das sich wiederholende Material auf den subtilen Klangunterschied der Instrumente hören. Was auf der Bratsche in tiefer Tonlage erklang, fand sich auf dem Cello in höherer Lage wie verklärt und verzaubert wieder. Warme, schimmernde Klänge bewiesen, dass Händel nicht nur ein serienmäßig produzierender Hit-Komponist sein konnte, sondern auch erfüllt war von einer tiefen, die Zeiten überdauernden Empfindsamkeit.
Jahreskonzert der Villa Musica
Allgemeine Zeitung, 5. Mai 2009
Vogelgezwitscher in allen Lagen
BINGEN
Von Gernot Blume
VILLA SACHSEN Gruppe "Villa Musica" bietet kammermusikalisches Programm
Zum Auftakt in den Mai spielten Dozenten und Stipendiaten der Villa Musica ein für Blasinstrumente und Klavier weit aufgefächertes kammermusikalisches Programm, das verschiedene Werke der Gegenwart und Moderne mit den Quintetten in Es Dur, einmal von Beethoven, einmal von Mozart, geschickt umrahmte. Als gewisser Leitfaden diente ein Bezug auf die Vogelwelt, insbesondere anhand der musikalischen Ornithologie des französischen Meisters des zwanzigsten Jahrhunderts - Olivier Messiaen, dessen Werke das Zwitschern erst flötenhaft, dann pianistisch, jedes Mal aber von den Musikerinnen gekonnt interpretiert, einzufangen wussten. Zauberhafte Zufallsmomente ergaben sich, als während des Stücks "Four Pieces in Bird Shape" des japanischen Zeitgenossen Takashi Yoshimatsu tatsächliches, durch geöffnete Fenstertüren in den Rheinsaal hineintönendes Vogelgezwitscher sich mit den Klangimitationen von Klarinette und Klavier zu einem spontan improvisierten Klangspektakel verbanden, das teils so erstaunlich synchronisiert verlief, dass man sich fragen musste, ob sie nicht auch zuhörten, jene "kleinen Diener der immateriellen Freude", wie Messiaen sie einst nannte. Dabei bewies die junge Klarinettistin Saori Nagasawa sicheres Können, wenngleich unbarmherzig komponierte Unisonopassagen in höchster Tonlage Klavier und Klarinette gelegentlich aufeinanderprallen ließen. Leider waren es ausgerechnet die klassischen Quintette, in denen einige Schwächen uns aus der Kunst der Natur in die Wirklichkeit des menschlichen Mühens zurückholten. Ein zu hart gespielter Beethoven ließ die lyrische Nachempfindung der Melodieentfaltung sowie rhythmische Präzision manches Mal vermissen, und vielleicht war Silke Avenhaus am Klavier im Geiste bereits bei Bartók, den sie dann aber brilliant und mit Feingefühl für die Ausdrucksfülle des Bartókschen Musikuniversums darbot: Die typischen, arpeggierten Clusterläufe, die von Bartóks früher Oper "Herzog Blaubarts Burg" bis ins späte "Konzert für Orchester" durch sein Werk wie ein transzendierender Ruf nach Erlösung hindurchschimmern sollten, wurden mit oktavierten, schlicht und folklorehaft wirkenden Melodien kontrastiert - eine emotional geladene Motivik. Im abschließenden, beruhigenden Mozart Quintett fand sich das Ensemble besser zusammen, aber die fehlerfreie Intonation der Oboistin Sandra Klein fand in anderen Blasinstrumenten nicht immer eine ebenbürtige Entsprechung.
Während das Publikum von Beethoven und Mozart angelockt worden war, so gefiel doch mindestens den Vögeln die Moderne ebenso, denn sie singen selten in Es Dur, trotzdem aber nie verstimmt.
Pervez Mody
Allgemeine Zeitung, 13. Juni 2009
Klavier gegen den Strich gebürstet
BINGEN
Von Gernot Blume
MEISTERKONZERT Pervez Modys aufrüttelnd-verstörende Solo-Darbietung in der Villa Sachsen / Romantische Exzentrik
In der Villa Sachsen flogen die Fetzen. Wie geht das heute noch, wenn "nur" ein Klavier auf der Bühne steht? Der Künstler Pervez Mody schaffte es, dem abgenutzten Medium des Solo-Klavierabends wieder Leben einzuflößen. Und das, obwohl die Zeit der Konzertsaalskandale doch eigentlich endgültig vorbei zu sein scheint. Sagte Heinrich Heine doch bereits vor mehr als 150 Jahren: "Diese ewige Klavierspielerei ist nicht mehr zu ertragen! Dieses Fortepiano tötet all unser Denken und Fühlen, und wir werden dumm, abgestumpft und blödsinnig. Dieses Überhandnehmen des Klavierspielens und gar die Triumphzüge der Klaviervirtuosen sind charakteristisch für unsere Zeit und zeugen ganz eigentlich vom Sieg des Maschinenwesens über den Geist." Nun, was immer an diesem Konzertabend geschehen sein mag - man kann sich darüber streiten, aber es war keine stumpf durchlittene, gleichwohl Schulbuch-korrekte Pflichtübung oder Maschinenmusik. Es rumpelte und polterte - Phrasierungen, die in jeder Situation das Überraschende zu suchen schienen. Ob sie es fanden? Ein brachialer Anschlag, dann aber ein wirklich subtil geflüstertes Pianissimo. Es gab auch mal falsche Noten, aber immer mit einer unbändigen Spielfreude und dem tiefen Wunsch nach Kommunikation. Ein solcher Zugang zur Musik polarisiert, mag abstoßen oder begeistern. Aber kalt lässt er die Wenigsten. Und das ist schon was, in einem gesamtgesellschaftlichen Kulturprogramm der Überlänge, in der uns alles verschwimmt.
Pervez Mody ist ein geistreicher und reflektierender Musiker. Gerne spielt er unbekannte Werke bekannter Komponisten oder weniger bekannte Komponisten, und auch in diesem Sinne sucht er einen ureigenen Weg. Oder er "verwurschtelt" Schubert und Kollegen in eigenen Bearbeitungen. Wäre nicht auch das im Geiste seiner Lieblingsepoche, der Romantik, jener Zeit der großen Widersprüche, die in unserem perfektionierten Kulturbetrieb so oft zu einer flachen Ästhetik des Gefälligen begradigt wird? Nein, hier ist die wahre Empfindung gewollt, die aufrüttelt, die sogar das Hässliche umarmt. Mody selbst ist ganz die postmoderne Verkörperung des romantischen Genies, mit aller Exzentrik, einem exaltierten Charme und jener programmatischen Sehnsucht nach dem Transzendenten. Sein Lieblingskomponist ist der mystisch-komplexe Klaviervirtuose Skrjabin. Das alles ist zwar ein kompliziertes Image-Paket, eine epochal gebrochene Kulturikone mit Weltenriss, aber sie bewegt uns immer noch. Dies war ein Konzert-Event, ohne deshalb zur bloßen Marketingstrategie zu verfallen. Dies war ein ehrlich empfundenes und ernsthaftes Ringen um eine Aussage in einer schwierig gewordenen Welt. Sie mögen widersprechen? Bitte sehr. Aber am Samstag flogen in der Villa Sachsen die Fetzen.