Pressespiegel
Rückblick auf 2011
"Bingen swingt" feiert nach Wetterkapriolen doch einen sonnigen Abschluss
26.06.2011 - BINGEN
Von Erich Michael Lang
Die Kraft des Endspurts konzentrierte „Bingen swingt“ am Sonntag auf das Kulturufer und das Rhein-Nahe-Eck. Während in der Innenstadt bereits die Lkw vorfuhren, um Bühnenteile einzuladen, feierten die Jazzfreunde jenseits der Bahnlinie in einen sonnig-warmen Abend hinein. Das 16. Festival hatte Jazz aller Epochen geboten und Bingen selbst bot in drei Tagen die gesamte Palette an Wetterkapriolen, die am Mittelrhein im Juni denkbar sind.
Aber die Besucher nahmen es an den ersten beiden Festivaltagen gelassen, dass der Himmel mit steten Regentropfen die irdischen Rhythmen auf Tischen und Bänken mitklopfte. Da musste eben mehrmals täglich gewischt werden. Nur das Rhein-Nahe-Eck hatte es des kühlen Windes wegen am Eröffnungsabend schwer. Dafür durfte sich der Festivalabschluss dort gestern von seiner sonnigsten und warmen Seite zeigen; ein kühles Lüftchen war jetzt eher willkommen. Klarer Magnet unter den Locations die Burg Klopp mit Krüger Rockt! oder Soulfinger. Hier war stellenweise kein Durchkommen mehr. Auf dem repräsentativen Neff-Platz mit der prächtigen Kulisse der Burg Klopp war natürlich jeder Besucher mal, um die Weitläufigkeit nach der Enge der Gassen und Straßen zu genießen, oder am Samstag Abend Manfred Krug zu sehen.
Keine Zwischenfälle
Trotz der vielen Menschen in der Stadt verliefen die Festivaltage ruhig und ohne Zwischenfälle. Die Polizei vermeldet keine Vorfälle. Einmal mehr erweist sich damit die Einschätzung als wahr, dass das Publikum von „Bingen swingt“ ein angenehmes ist. Nicht zuletzt deshalb nimmt die Atmosphäre jeden neuen Besucher auch freudig auf. Wer sich einmal ins Festivalgetümmel gestürzt hatte, ließ sich mittragen von Bühne zu Bühne, von Musikstil zu Musikstil.
Clevere Gäste hatten wieder kleine Klappstühle im Schlepptau. So ließ es sich vor den Bühnen länger aushalten, wenn nach vielen Stunden Jazzmusik die Beine müde wurden. Andere hielten die Beine mit Tanzen auf Trab. Das machte auch den Regen der ersten beiden Tage zuweilen vergessen. Die Besucher gaben sich robust, und wenn es zwischendurch gar zu arg wurde, flüchteten sie unter Pavillons oder die Vordächer der angrenzenden Häuser.
Bändchen-Debatte spielt keine Rolle mehr
Die im Vorfeld noch einmal geführte, kurze und heftige Debatte um die sogenannten „Bändchen“ spielte während der drei Festivaltage nicht wirklich eine Rolle. Viele Jazzfreunde zeigten demonstrativ den traditionellen Button am Revers, strecken an den Kontrollstellen aber auch brav den Arm aus, damit der Blick frei war auf das selbstklebende Eintrittsbändchen am Unterarm.
Am Sonntag dann erlebte „Bingen swingt“ wie immer noch mal radelnden Zustrom durch „Tal toTal“. Kulturufer und Rhein-Nahe-Eck teilten sich Fußgänger und Radfahrer. Manche Zaungäste waren auch darunter, die der Musik von jenseits der Absperrung lauschten.
Bingen swingt auch feucht: Festival startet mit Regen und heißer Musik
25.06.2011 - BINGEN
Von Helena Sender-Petry
Freitag, 17 Uhr, es tröpfelt. Die Bändchenverkäufer haben längst Position bezogen, und immer öfter prangen „Bingen swingt“-Buttons an Jacken oder Kragen. Beachtlich viel Volk ist in der Fußgängerzone unterwegs, als Julia Oschewsky und ihre Band den Jazz-Reigen am Speisemarkt eröffnen. Doch der Wunsch der Sängerin, der Regen möge „in Amsterdam bleiben“ - dort lebt die gebürtige Bingerin, erfüllt sich nicht. 17.30 Uhr: Es gießt, Schirme werden aufgespannt, die Festivalbesucher bleiben entspannt. Wird ja nicht den ganzen Abend dauern, Optimismus mischt sich mit heißen Dixy-Klängen, die vom Winzerknaben herüberschallen. Dort haut der Pianist des British New Orleans Trio unverdrossen gekonnt in die Tasten seines weißen Klaviers, die Trompete jazzt, derweil der Schlagzeuger mit Baskenmütze seine Drums im Takt der Musik bearbeitet. Die drei Herren machen Gute-Laune-Sound, der den Regen-Frust zur Nebensache werden lässt.
Überhaupt: Wahre Fans sind vorbereitet, tragen wasserfeste Kleidung und Kappen auf den Köpfen. Und wenn die Combo Weisen übers Rotlichtviertel in New Orleans interpretiert und der Trompeter singt wie „Satchmo“ Louis Amstrong - wer da keine gute Laune kriegt, ist selbst schuld.
Auf dem Bürgermeister-Neff-Platz läuft der Sound-Check für die „Sinatras Night“, die um 18.15 Uhr an den Start gehen soll. „Love ist all you need“ singt der Frontmann der Formation - alle tragen schicke Anzüge - seinem Techniker am Mischpult entgegen, der hier ein bisschen Bass, dort die eine oder andere Höhe nachjustiert, damit der Spaß beginnen kann. Derweil ist Zeit für den erwartungsfrohen, hochmotivierten und jedem Wetter trotzenden Swing-Boogie-Bebop-Fan, sich ein rosa Stück Roastbeef samt scharfer Soße und Brot zu genehmigen. So was schmeckt halt bei jedem Wetter. Zum Nachtisch ein Glas Sekt, und „Bingen swingt“ kommt in Fahrt.
19 Uhr, die nächste Künstlerrunde macht sich startklar auf den Bühnen. Latin Jazz am Speisemarkt, Mainstream am Freidhof. Mittlerweile ist es trocken und windstill, wenn auch ziemlich kühl. Man kann halt nicht alles haben. Heiß ist die Musik, da gibt es nichts zu meckern. Die Künstler geben alles. So soll es sein.
Doch dann geht der Regen wieder los, das Wetter zeigt sich genauso launig wie eine Südstaatenschönheit aus New Orleans, die von ihrem Liebsten nicht das bekommt, was sie will. Doch das Wochenende stimmt hoffnungsfroh, für Samstag und Sonntag ist zumindest phasenweise mit Sonnenschein zu rechnen. Es wäre „Bingen swingt“ und seinen Fans zu wünschen
Nur das Wetter muss mitspielen
17.06.2011 - BINGEN
Von Helena Sender-Petry
BINGEN SWINGT Festival-Vorbereitungen sind fast abgeschlossen / Aufbau der acht Bühnen startet am Mittwoch
Keine Absagen, keine kranken Musiker, alle Künstler an Bord: Der „Urknall“ bleibt aus, alles läuft nach Plan - da könnte sich Organisatorin Particia Paulus doch eigentlich ganz entspannt zurücklehnen? Die Kulturreferentin der Stadt lacht, noch immer gibt es eine Menge zu tun, damit das Jazzfestival die acht Bühnen in Bingen zum Swingen bringt. Und das Publikum natürlich auch.
Dass die Organisation eines solchen Großereignisses ausgetüftelt und bis auf die Minute genau geplant sein will, wissen Paulus und ihre „rechte Hand“ Marcel Koch nur zu gut. Der Veranstaltungskaufmann, seit 2010 bei der Stadtverwaltung angestellt, ist nicht nur Ansprechpartner für alle Musiker, Sicherheitskräfte oder Techniker, sondern bezieht zudem in der Schaltstelle des Festivals im NH-Hotel Stellung. Dort sind auch die Künstler einquartiert, die einen zu weiten Weg nach Hause haben oder sehr spät auftreten. Paulus: „Gruppen aus Köln oder Heidelberg ist zuzumuten, dass sie nach ihrem Auftritt diese Strecken fahren.“ Paulus weiß zudem, „Dass die Künstler auch lieber in ihren eigenen Betten schlafen“. Und es spart Kosten, ein wichtiger Faktor für die Festival-Macher, denn es sei eine große Enttäuschung gewesen, dass das Land seinen bereits zugesagten Zuschuss von 45 000 um 10 000 Euro gekürzt hat. „Schließlich waren die Mittel bereits kalkuliert“, gibt Paulus zu bedenken. Um so wichtiger sei es nun, „dass das Wetter mitspielt und viele Zuhörer nach Bingen kommen“.
Der Bühnenaufbau startet am kommenden Mittwoch, und „Bingen swingt“-Stammgäste werden feststellen, dass die Bühne auf der Burg Klopp diesmal nicht am Turm, sondern mit dem „Rücken“ Richtung Rhein positioniert ist. Der Grund: „Es ist einfach schöner, wenn die Leute gleich sehen, was los ist. Auch die Akustik ist besser, von dem schönen Ausblick ganz zu schweigen.“ Alles im grünen Bereich, oder? Nicht ganz. Denn bisher konnte sich kein Caterer für den Freidhof finden. „Wer sich kurzfristig dazu entschließt, kann sich bei und melden“, wirb Paulus. Allerdings besteht sie auf weiße Pagodenzelte, für viele Caterer ein Hinderungsgrund. Doch: „Wir wollen ein einheitliches Bild. Das war und ist unser Ziel.“ Essen und Trinken gibt es dennoch reichlich, von „Swinging Bruschetta“ bis „Bebop Süppchen“, ganz nach dem Motto „So schmeckt Jazz“. Bier gibt es übrigens auch, ein „Black Jazzy“ auf dem Neff-Platz, ein dunkles Spezialbier von Mario Miedl, der den von der Stadt ausgelobten Wettbewerb gewonnen hat und somit die Standgebühr spart.
Viel Arbeit, viel rechnen, planen und organisieren liegen hinter Paulus und Koch, die ganz offen bekennen: „Es macht ungeheuer viel Spaß. Auch deshalb, weil die Zusammenarbeit zwischen allen städtischen Ämter perfekt funktioniert.“
Speisemarkt liegt in Lateinamerika
24.05.2011 - BINGEN
Von Erich Michael Lang
BINGEN SWINGT Acht Bühnen, 35 Bands und viele Neuerungen zur 16. Auflage
Bingen swingt, vom 24. bis 26. Juni und zwar das 16. Mal. Auf acht Bühnen am Kulturufer und in der Innenstadt werden 35 Bands für einen jazzig-musikalischen Querschnitt durch die Epochen und Stile sorgen. Mit rund 15 000 Jazzliebhabern und interessierten Musikfreunden wird an den drei Veranstaltungstagen gerechnet. Das Management ist zufrieden.
Zahlreiche Email-Anfragen und Buchungswünsche für Hotels liegen bereits vor, berichtet Projektleiterin Patrica Paulus vom Kulturamt gegenüber der AZ. „Eine Open-Air-Veranstaltung ist natürlich immer wetterabhängig und die Leute entscheiden sich kurzfristig“, sagt sie. Jedoch stimme die Nachfrage derzeit durch und durch optimistisch. In diesem Jahr zeichnet das Kulturbüro erstmals federführend für das Eventmanagement verantwortlich.
Veränderungen für noch mehr Spaß
Die Kollegen von der Tourist-Information docken an das Ereignis mit den Marketingaktivitäten an. „Wir sind ein Team“, unterstreicht Projektleiterin Paulus und macht auf einige Veränderungen in diesem Jahr aufmerksam, von denen sich die Veranstalter einen noch besseren Ablauf und größeren Spaß für alle erhoffen. Es beginnt beim Eintritt. Der Button ist out, es lebe das Bändchen. Für das Drei-Tage-komplett-Paket zahlt der Musikfreund 18 Euro, ein Bändchen für einen Einzeltag kostet 12, beziehungsweise sonntags 10 Euro. Acht Bühnen hat es so auch noch nicht gegeben. Und die werden auch nötig sein, soll Bingen swingt doch in diesem Jahr „die Geschichte des Jazz erlebbar machen“, sagt Paulus. Highlights werden gewiss der Auftritt der NDR-Bigband mit dem brasilianischen Star João Bosco sein, oder Tatort-Kommissar a.D. Manfred Krug mit Uschi Brüning. Viel verspricht sich Patricia Paulus auch vom Trombone Summit. Die Gäste werden es in diesem Jahr mit jazziger Spielfreude und besonderer Improvisation zu tun bekommen. Denn auf einigen Bühnen werden die Künstler auch zusammenfinden und spontan konzertieren. Also unmittelbarer, originaler, frisch geborener Jazz.
Wichtig war den Organisatoren auch, nicht nur die nationale und internationale Prominenz nach Bingen zu holen, sondern auch den regionalen Künstlern eine Plattform zu geben. Fünf Gruppen aus der Region werden deshalb dabei sein und das umfangreiche Programm bereichdern.
Die Atmosphäre der Stadt und das Kulturufer genießen
Dabei geht Patricia Paulus davon aus, dass nicht nur eingefleischte Jazz-Fans den Weg nach Bingen finden werden: „Es gibt viele Besucher, die an diesen Tagen einfach die Atmosphäre in der Stadt und am Kulturufer genießen und gemütlich schlendern wollen.“
Aus den Vorjahren wissen schließlich viele, dass Bingen einen ganz eigenen und von manchen als „zauberhaft“ beschriebenen Charakter ausstrahlt, wenn die Stadt zu swingen beginnt. Und auch in diesem Jahr wird der Speisemarkt beispielsweise wieder mitten in Südamerika liegen, wenn zu den Rhythmen auf der Latin-Bühne auch getanzt wird. Verpflegt werden die Gäste wieder ansprechend und stilvoll. Als eine Besonderheit, aus einem eigenen Wettbewerb hervor gegangen, gibt es argentinisches Rumpsteak, gebrandet mit Musikmotiven, oder selbst gebrautes Bier.
Der Jazz-Linie will Bingen übrigens treu bleiben. „Wir möchten dieses Niveau halten und ausbauen und werden beispielsweise keinen Pop mit reinmischen wie in Worms“, sagt Paulus. Erfolg und Resonanz auf das Binger Konzept machen selbstbewusst. Nachgefragt zu dem Jazz-Ereignis wenige Kilometer stromaufwärts fügt Patricia Paulus hinzu: „Wir können den Wormsern durchaus das Wasser reichen.“
Derweil laufen die Vorbereitungen nach Plan. Der Countdown zu Bingen swingt kann beginnen.
29.01.2011 - Allgemeine Zeitung BINGEN
Jetzt auch mit Tagesticket
Von Helena Sender-Petry
BINGEN SWINGT Viel Lob im Kulturausschuss für neues Festival-Konzept
Da gab es nichts zu meckern. Ganz im Gegenteil. Das neue „Bingen swingt“-Konzept, das Kulturreferentin Patricia Paulus den Mitgliedern des Kultur- und Tourismusausschusses am Donnerstagabend präsentierte, wurde parteiübergreifend gelobt. Zum 16. Mal lädt die Stadt am Rhein-Nahe-Eck vom 24. bis 26. Juni zum Internationalen Jazzfestival auf zahlreichen Bühnen von der Burg bis zum Rheinufer ein, Bewährtes mischt sich geschickt mit Neuerungen, die das Open-Air-Spektakel noch attraktiver machen sollen.
So bietet „Bingen swingt“ zukünftig auch jungen, erfolgreichen Jazzbands aus der Region ein Forum im Programm, der Škoda Jugendbigbandwettbewerb „Jugend jazzt“ wird erstmalig auf den Festivalbühnen ausgetragen, bringt die Stadt somit schon vormittags zum Swingen, und auf dem Speisemarkt ist eine Latin-Bühne positioniert - es darf getanzt und ordentlich zu Salsarhythmen gefeiert werden. Auch das Kulturufer Bingen verwandelt sich zur „mobilen Bühne“, ein so genanntes Gesprächskonzert, eine Mischung aus Plaudern und Musik vor Publikum, ist für die Vinothek geplant. Dafür konnte laut Paulus Professor Dr. Wolfgang Sandner, Musikkritiker der FAZ, gewonnen werden.
Zu den Neuerungen gehört auch eine Differenzierung der Eintrittspreise, und einzig in diesem Punkt gab es, wenn auch moderat und konstruktiv, Diskussionen. Gegen den Vorschlag der Verwaltung, neben einem Drei-Tages-Button auch einen Tagesbutton einzuführen, hatte niemand etwas. Allerdings krtisierte die SPD, dass das Mehrtagesticket statt bisher 15 nun 18 Euro, der Eintritt freitags und samstag 12 Euro, sonntags 10 Euro kosten soll. Ganz anders die FDP, die Liberalen plädierten gar für 20 Euro für den Drei-Tages-Button. Auch dieser Preis sei, gemessen an dem Angebot, immer noch moderat. Ein Vorschlag, der auf wenig bis keine Gegenliebe stieß. Eine Preiserhöhung sei das falsche Signal. Letztendlich setzte sich das Preis-Modell der Verwaltung durch. Die Anregung, für Schüler und Studenten einen ermäßigten Eintrittspreis einzuführen, fand allgemeine Zustimmung. Der Drei-Tages-Button für Schüler und Studenten wurde auf 10, der Tagespreis auf 6 Euro festgelegt.
Weiter berichtete Paulus über die Bemühungen, Sponsoren für das überregional bekannte und längst anerkannte Festival zu finden, das von der Stadt, wenn es notwendig ist, mit 35 000 Euro bezuschusst wird. Mittel, die im Haushalt eingestellt sind. . kommentar
Rückblick 2010
FAZ 28.06.2010
Klaviergeschichtenerzähler
Jazz, Blues, Cuba Libre und ganz Bingen swingt muss man nach Ascona fahren, um dort beim jährlich stattfindenden Festival wunderbaren traditionellen Jazz aus allen Gassen heraustönen zu hören? Braucht man den Lago Maggiore, um den Klängen entsprechende Resonanz zu verschaffen? Und den Monte Veritá, der sich als Symbol weitreichender Reformen von Leben und Kunst über allem erhebt und die Friedliebenden aus aller Welt anzieht?
Natürlich nicht! Man kann auch alljährlich am letzten Wochenende im Juni nach Bingen fahren und für einen Euro-Bruchteil all das erleben, was im Sehnsuchtsland der Deutschen am Sehnsuchtsort der Nachkriegszeit so alles an synkopiertem Viervierteltakt geboten wird. Zwischen Rhein-Nahe-Eck und Speisemarkt, zwischen Freidhof und Burg Klopp hat der Jazz seit den neunziger Jahren unter dem Slogan „Bingen swingt" auch hier Einzug gehalten, und wenn nicht alles täuscht und das Wetter wie heuer mitmacht, kann man am Rheinufer, in den verwinkelten Gassen der Altstadt und auf dem malerischen Burgberg ebenso die Hüften kreisen lassen und den Blue Notes lauschen wie im Tessin. Und Pazifisten wie auf dem Monte Veritä dürfte es auch unter den Anhängern der hiesigen Jazzszene genug geben.
„Bingen swingt" ist ein attraktives regionales Ereignis mit internationalem Flair und wird es offenbar immer mehr. In diesem Jahr kamen die Gäste sozusagen von Hanau bis Havanna. Von dem Gitarristen Jürgen Schwab, der diesmal als Moderator fungierte, bis zum kubanischen Ensemble „SonRicoSon", vom Cecil Verny Quartet zum Veteranen Hugo Strasser, vom Emil Mangelsdorff Quartett zum so genannten Zigeuner-Jazz eines Bireli Lagrene, schließlich vom Rhythm & Blues der urgewaltigen Sängerin Kat Baloun zum Funk der „Jazz Pis-
tols" war eigentlich so ziemlich alles vertreten, was zu den Spielarten des mit Swing eher vage umschriebenen Jazz gehört. Wie in Ascona und bei anderen vergleichbaren Open-Air-Veranstaltungen konnte man zwischen den einzelnen Bühnen flanieren und ein wenig von allem aufschnappen. Aber auch die Sesshaften konnten, wenn sie sich am rechten Ort befanden, ein vielseitiges Programm erleben, etwa diejenigen, die sich an der Statue des Winzerknaben auf die Stufen des stilisiert-modernen Amphitheaters setzten und Jan Luley zuhörten, der in zwei Stunden ganz allein an seinem Flügel die Geschichte des Jazz aus New Orleans zum Klingen brachte.
Jan Luley, bis vor kurzem noch inspirierender Pianist der Frankfurter Barrel-house Jazzband, verfolgt inzwischen eine eigene Karriere, auch als Alleinunterhalter am Klavier. Hier demonstrierte er mit einem schier unerschöpflichen Vorrat an Rhythmuskombinationen und flinken Passagen, dass er zu den virtuosesten Boogie-Pianisten der an großen Boogie-Spielern wahrlich gesegneten Republik gehört. Wer aber seinen Soloauftritt ganz verfolgte, der bekam ganz nebenbei eine Lektion in klingender Jazzgeschichte geboten: von Dr. Johns „Dorothy" zu Jelly Roll Mortons kreolischen „New Orleans Joys" und von Harry Connicks „Come By Me" zum klassischen „House of the Rising Sun". Das alles wurde mit kleinen Geschichten des traditionellen Jazz serviert. Der große Pop-Impresario Fritz Rau meinte einmal, sein Ziel sei es, das Publikum aus einem Konzert nicht dümmer herauskommen zu lassen, als es hineingegangen ist. Jan Luley scheint sich daran orientiert zu haben. Wer seinem souveränen Klavierspiel und seinen Geschichten in Bingen zugehört hat, ist klüger geworden. WOLFGANG SANDNER